Volkswirtschaftslehre
Deutsche Ökonomen zerfleischen sich

83 überwiegend ältere deutsche Wirtschaftswissenschaftler rechnen in einem Manifest mit der modernen VWL ab. Diese sei zu theoretisch und liefere keine praktisch verwertbaren Ergebnisse. Die Angegriffenen wehren sich: Die Kritik sei povinzell, von gerstern und inhaltlich falsch. Deutsche Fakultäten könnten durch die Debatte im weltweiten Wettbewerb um die klügsten Köpfe des Fachs zurückfallen.
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DÜSSELDORF. Ein heftiger Streit unter deutschen Ökonomen über die Ausrichtung ihres Fachs beschädigt das internationale Ansehen der hiesigen Volkswirtschaftslehre (VWL). Dadurch drohen die Universitäten des Landes im weltweiten Wettbewerb um renommierte Ökonomen zurückzufallen.

83 VWL-Professoren werfen ihrer Disziplin Theorielastigkeit und Praxisferne vor: Moderne Wirtschaftswissenschaftler beschäftigten sich zu viel mit Mathematik und zu wenig mit der Realität. "Die Ökonomen ziehen sich aus der Wirklichkeit zurück", heißt es in einem in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" erschienenen Aufruf.

International ausgerichtete Ökonomen im In- und Ausland reagieren darauf mit Spott, Unverständnis und Entsetzen. Der Aufruf sei provinziell, rückwärts gewandt und inhaltlich falsch. "Ich habe herzlich gelacht, als ich ihn gelesen habe", berichtet Harald Uhlig, Makroökonom an der University of Chicago. "Er ist für eine Karnevalsveranstaltung gut geeignet, aber nicht ernst zu nehmen."

Stanford-Professorin Monika Piazzesi, Mitherausgeberin des "Journal of Political Economy", gesteht: "Ich verstehe die Debatte nicht." So gebe es zum Beispiel an der Uni Frankfurt eine "erstklassige Truppe von Makroökonomen, die alle sehr empirisch orientiert sind. Wie kann man da auf die Idee kommen, dass die VWL heute ,weltfremd' sei?"

Möglicherweise untergräbt der Streit die Versuche von VWL-Fakultäten, junge, forschungsstarke deutsche Volkswirte aus dem Ausland anzuwerben. "Denen hat man die Rückkehr sicherlich nicht schmackhafter gemacht", sagt der an der University of Michigan forschende Rüdiger Bachmann. "Viele sind einfach schockiert, dass diese rein deutsche Diskussion noch existiert."

In den vergangenen zehn bis 15 Jahren haben viele junge, ambitionierte Volkswirte Deutschland verlassen. Von den 100 forschungsstärksten deutschen Ökonomen arbeitet jeder zweite im Ausland, zeigt das Handelsblatt-Volkswirte-Ranking. Seit einigen Jahren versucht eine Reihe von VWL-Fakultäten, international Anschluss zu finden und deutsche Forscher im Ausland zur Rückkehr zu bewegen. "Der Aufruf der 83 Professoren erscheint wie ein Versuch, diese jüngsten positiven Entwicklungen der Erneuerung zu blockieren und rückgängig machen zu wollen", kritisiert Christian Dustmann, Professor am University College London.

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