Volkswirtschaftslehre
Die Renaissance der Wirtschaftsgeschichte

An den weltweiten Top-Unis erlebt die Wirtschaftsgeschichte grade eine neue Blütephase. Nur die Deutschen verschlafen diesen Trend – und vergraulen gute Leute. Das könnte sich rächen.
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Manche Trennungen laufen in Frieden ab. Diese nicht. Im Sommer vergangenen Jahres warben die Universitäten Glasgow und Wien um den Nachwuchsstar der deutschen Wirtschaftsgeschichte, Carsten Burhop. Der 39-jährige Historiker, der vor allem Bankenkrisen und Unternehmensgeschichte erforscht, wollte die Gelegenheit nutzen, um seinen Professorenvertrag an seiner Heimatuniversität Köln nachzubessern. Seine Wünsche waren überschaubar: Die Büroräume seiner Forschungsgruppe sollten direkt beieinander liegen, statt in zwei verschiedenen Gebäuden, die über einen Kilometer voneinander entfernt sind.

Seine Mitarbeiterin sollte eine unbefristete Stelle als Postdoktorandin bekommen, und natürlich wollte Burhop auch mehr Geld für sich. Das Bleibeangebot der Uni sah dann laut Burhop so aus: „17 Prozent mehr Gehalt, was immer noch 26 Prozent unter den Angeboten aus dem Ausland lag - und mir drohte eine Kürzung der jährlichen Mittel für meinen Lehrstuhl um 50 Prozent." Seit Anfang dieses Monats ist er Professor in Wien.

Der Dekan der Kölner Fakultät für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, Werner Mellis, streitet ab, Burhop mit einem zu schlechten Bleibeangebot abgefertigt und seinen Weggang erzwungen zu haben, will aber die Details aus den Verhandlungen für sich behalten: „Es gibt Angebote von außen, die sind so gut, dass man dem nichts entgegensetzen kann. Das war bei Burhop der Fall", sagt er. Der will von Deutschland nun nichts mehr wissen. „Es ist unfassbar, wie stiefmütterlich die Wirtschaftsgeschichte hierzulande behandelt wird", schimpft der Wissenschaftler.

Und er ist nicht der einzige renommierte Wirtschaftshistoriker, der so denkt und Deutschland den Rücken kehrt. Internationale Schwergewichte wie etwa Albrecht Ritschl, der mittlerweile an der London School of Economics lehrt, oder Joachim Voth, der derzeit in Barcelona forscht und gerade einen Ruf aus Zürich angenommen hat, haben sich schon vor Jahren ins Ausland verabschiedet. In den nächsten Jahren dürfte sich die Emigrationswelle noch verstärken, denn immer mehr Lehrstühle für Wirtschaftsgeschichte stehen vor der Schließung.

Damit aber koppelt sich das Land von einem Trend in der Volkswirtschaftslehre ab. Seit der Finanzkrise hagelt es Kritik für modelltheoretische Ökonomen. Ihr Ruf ist beschädigt, weil sie die immensen Risiken, die im Finanzsystem steckten, nicht früh genug erkannt haben. Die Arbeit von Wirtschaftshistorikern erlebt dagegen international eine Renaissance.

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Die Renaissance der Wirtschaftsgeschichte

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Trendsetter USA

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Ein Orchideenfach?

Kommentare zu " Volkswirtschaftslehre: Die Renaissance der Wirtschaftsgeschichte "

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  • CDU-Soldat Hermann Gröhe bei welt.de:
    "Wer die D-Mark will, riskiert Europas Spaltung"

    Meinungsforscher trauen der neuen Anti-Euro-Partei einen Überraschungserfolg zu. Die etablierten Parteien warnen hingegen vor Populismus. Eine Rückkehr zur D-Mark würde auch Europa gefährden. ..."

    So ein Unfug, was Gröhe von sich gibt. Der EURO ist wie ein XXXL-Anzug, den jeder Staat in Europa zu tragen hat. Für die Südländer wäre ein massgeschneiderter schmaler Anzug mit eigenen Währungen 1000-mal besser und sie würden wieder laufen können ... Im EURO-XXXL-Anzug stolpern wie nur vor sich her.

    Aber das ist sogar gewollt, denn "EU in Brüssel" will bankrott gegangene Staaten "aufsammeln" unter ihre Knute. Dafür wurde der EURO in Wirklichkeit eingeführt 2002. Und "Europa" existiert ohne EURO viel besser Herr CDU-Gröhe !!! AfD ist die Alternative im September 2013.

  • "Einzig die vielen Winkeladvokaten mit nimmermüder
    Klagewut gegen "Alles", können Dank "Rot/Grüner" Weltverbesser ein angepasstes Insektendasein führen."

    hehe, guter Satz, gefällt mir.
    Allerdings ist das allen Parteien anhängig, denn in fast allen gibt es überwiegend Juristen, die sich Gesetze so bauen wie es ihnen paßt.
    Inzwischen dürfte fast jeder Bürger, der noch nicht zwangsläufig unfreiwillig Kontakte mit der Justiz hatte, ein wirklich seltenes Insekt sein. Weil man automatisch etwas "falsch" (im Sinne der Juristerei) macht, sobald man sich bewegt. Und davon lebt eine ganze Kaste auf Kosten der Steuerzahler studierte Leute, die darauf lauern etwas "zum klagen" zu haben.
    Kann man davon nicht leben, naja, dann geht man eben in die Politik. Hier kann nur der Wähler Abhilfe schaffen, sich ganz genau die Kandidaten angucken, hinterfragen und im Zweifel abwählen. Frage mich sowieso warum diese Pöstchen quasi Lebensstellungen sind.

  • Warum sollen wir uns denn noch mit "Wirtschaft" beschäftigen, dieses Land ist ohnehin bald weg von der Weltbühne ehem. Dichter und Denker. Nachdem der Mediziner Nachwuchs nur noch ein rot/grünes Gesamtschul-Niveau vorweist und Halbmediziner nun auch ohne Abitur auf die Menschheit losgelassen werden, demontiert diese Politik nach den Maschinenbauern jetzt auch die Wirtschaftsfächer, so wie unsere Hochhöfen. Einzig die vielen Winkeladvokaten mit nimmermüder
    Klagewut gegen "Alles", können Dank "Rot/Grüner" Weltverbesser ein angepasstes Insektendasein führen.
    In einem Land, wo Studiengebühren abgeschafft werden, staatliche Zuwendungen nicht mehr in Lehre und Forschung fließen, Gentechnologie rechtlich ausgebremst wird und sprudende Steuereinnahmen aus den Taschen der Bürger einem Eurowahn geopfert werden, da kann selbst Unkraut dauerhaft nicht mehr überleben.

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