Volkswirtschaftslehre
Ökonomenaufruf: Warum wir nicht dabei sind

Vier prominente deutsche Ökonomen erklären im Interview mit Handelsblatt.com, warum sie den Aufruf "Rettet die Wirtschaftspolitik an deutschen Universitäten" nicht unterschrieben haben, und was sie von den wichtigsten Argumenten halten. Lesen Sie, wie Hans Peter Grüner, Justus Haucap, Martin Hellwig und Klaus F. Zimmermann zu der Debatte stehen.
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Handelsblatt: Ist es Zufall, dass Sie diesen Aufruf nicht unterschrieben haben oder haben Sie sich bewusst dagegen entschieden? Falls letzteres der Fall ist: Was waren Ihre Motive?

Hans Peter Grüner (Uni Mannheim): Mich hat man nicht gefragt. Dabei finde ich es auch wichtig, dass es Lehrstühle für Wirtschaftspolitik gibt, die sich um die Verbindung von wissenschaftlicher Forschung und praktischer Anwendung bemühen. Aber die Begründung über eine Abgrenzung von formaler Rigorosität und praktischer Relevanz teile ich nicht. Relevanz ist für mich zuerst eine Frage des Forschungsgegenstands, nicht der Methode.

Justus Haucap (Uni Erlangen-Nürnberg, Vorsitzender der Monopolkommission): Ich habe mich bewusst gegen das Unterzeichnen entschieden. Mein Hauptmotiv war, dass diese gesamte Debatte durch die geplante Neuausrichtung der Kölner VWL ausgelöst wurde und der Aufruf auch in diesem Kontext zu sehen ist oder zwangsläufig in diesem gesehen wird. Ich halte es nicht für anbegracht, sich von außen in die internen Angelegenheiten einer Fakultät einzumischen. Wenn eine Fakultät sich neu ausrichten und anders als bisher positionieren will, sollte dies ihr Recht sein, die Universitäten stehen ja im Wettbewerb und niemand muss in Köln studieren, wenn ihm dies nicht gefällt.

Martin Hellwig (Leiter des Max-Planck-Instituts zur Erforschung von Gemeinschaftsgütern, Bonn) : Ich habe mich bewusst dagegen entschieden. Ich halte die traditionelle deutsche Einteilung des volkswirtschaftlichen Fächerkanons in Theorie, Politik, Finanzwissenschaft und Methodenfächer für unselig. Diese Einteilung ist mit dafür verantwortlich dass die quantitative empirische Arbeit in der wirtschaftspolitischen Diskussion wie an der Universität eine allzu geringe Rolle spielt. Der Wissenschaftsrat hat das schon vor Jahren angeprangert. Unter dem Etikett "Politik" diskutiert man lieber über ordnungspolitische Grundfragen als darüber, woher wir wissen, ob bestimmte Elastizitäten so groß sind wie die wirtschaftspolitische Empfehlung das eigentlich unterstellt. Unter dem Etikett "Theorie" findet man eine Methodenlehre abstrakter Begrifflichkeiten, hin und wieder auch experimentelle Fragen zu verhaltenstheoretischen Grundlagen, allzu wenig aber die Auseinandersetzung damit, wie ein konkreter Markt oder Sektor sich tatsächlich verhält. Die US-amerikanische Fächereinteilung in Micro (Theory), Macro, Public Economics, Industrial Economics, Monetary Economics usw. verbindet Theorie und Politik in jedem einzelnen, inhaltlich definierten Teilbereich; quantitative empirische Arbeit wird nicht auf eine als Wahlfach am Rande stehende Ökonometrie reduziert, sondern ist ein essentieller Teil jedes Teilgebietes außer der mikroökonomischen Theorie.

Klaus Zimmermann (Präsident der Forschungsinstitute DIW und IZA): Ich bin gar nicht gefragt worden. Tatsächlich sieht es so aus, dass die Liste der Unterzeichner sich eher an den Lehrstuhlinhabern für Wirtschaftspolitik (ich habe eine Lehstuhlsbezeichnung "wirtschaftliche Staatswissenschaft") oder den Mitgliedern des Ausschusses für Wirtschaftspolitik beim Verein für Socialpolitik orientiert, dem ich nicht angehöre.

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