VWL-Studium
Krise? Welche Krise?

Das Finanzchaos erschüttert die VWL in ihren Grundfesten. Aber in der Lehre machen viele Professoren weiter wie bisher - und enttäuschen ihre Studenten.

Neunzig Minuten in zwei Jahren. Im Oktober 2008, die US-Investmentbank Lehman war gerade zusammengebrochen, begann Carolin Eichhofer ihr VWL-Studium in Mannheim. Für die schlimmste Finanz- und Wirtschaftskrise seit 70 Jahren war in ihrem zweijährigen Grundstudium genau 90 Minuten Platz. Im Einführungskurs "Grundlagen der VWL" widmete der Dozent die letzte Vorlesung vor den Semesterferien dem Thema.

"Ansonsten sind wir im Grundstudium mit der Krise nicht groß in Berührung gekommen", erzählt die heute 23-Jährige. "Ich hätte mir gewünscht, dass mehr Dozenten aus dem Nähkästchen plaudern."

Fakultäten in der Zwickmühle.
Tausende VWL-Studenten in ganz Deutschland geht es ähnlich wie Carolin Eichhofer: Die Finanz- und Wirtschaftskrise hat viele etablierte Theorien und Modelle des Fachs ins Wanken gebracht.

Doch in den Hörsälen gibt es das gleiche Unterrichtsprogramm wie vor zehn Jahren. Die Studenten pauken Makro-Modelle ohne Finanzsektor, analysieren das Verhalten von vollständig rationalen Akteuren auf perfekt funktionierenden Märkten und zeichnen Gleichgewichtsmodelle in ihre Blöcke.

"In den Curricula sind Veranstaltungen zur Finanzkrise kaum vorgesehen", sagt Arif Rüzgar, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Erfurt und Gründungsmitglied des Arbeitskreises Postautistische Ökonomie, in dem sich Ökonomen für eine Modernisierung ihres Fachs starkmachen.

"Ich wusste vorher, dass das Studium theorielastig wird, aber so viel Realitätsferne hatte ich nicht erwartet", bilanziert Daniel Pietzker, 23, der seit vier Semestern an der Uni Köln VWL studiert. In der Vorlesung "Geldtheorie" sei die aktuelle Geldpolitik der EZB kein Thema. Stattdessen wurde fast nur gerechnet. "Von dem Kurs hatte ich mir viel mehr erhofft", meint Pietzker. "Da läuft doch etwas falsch in der Lehre."

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