Warum sich Volkswirte neuerdings mit kulturellen Fragen beschäftigen: Ökonomische Kulturrevolution

Warum sich Volkswirte neuerdings mit kulturellen Fragen beschäftigen
Ökonomische Kulturrevolution

Für die traditionelle Ökonomie war das Thema Kultur nicht „hart“ genug. Jetzt kommt es zu einem Paradigmenwechsel.

„Ökonomen, die mit kulturellen Faktoren argumentieren, tarnen damit nur das Scheitern ihrer Analyse.“ Niemand Geringeres als die beiden späteren Ökonomie-Nobelpreisträger George Stigler und Gary Becker stellten diese These Ende der siebziger Jahre auf. Die beiden „Chicago Boys“ brachten mit diesem Verdikt die bis Ende der neunziger Jahre herrschende Meinung des Fachs über die Rolle von Kultur in der ökonomischen Forschung auf den Punkt.

„Lange Zeit war die Volkswirtschaftslehre gegenüber kulturellen Fragen ignorant“, sagt Raquel Fernández, Professorin an der New York University. Die Präferenzen der Menschen nahmen Ökonomen als gegeben hin. Unterschiedliche Verhaltensmuster in verschiedenen Ländern versuchten sie allein auf Unterschiede in der Politik, bei den Institutionen und in der Technologie zurückzuführen.

Diese Zeiten sind vorbei. „Kultur und Ökonomie“ ist eines der boomenden Forschungsgebiete der Disziplin. Regelmäßig erscheinen in den besten Fachzeitschriften Aufsätze dazu; das „Journal of Economic Perspectives“ widmete Kultur 2006 gar einen Themenschwerpunkt. Auf der Jahrestagung der European Economic Association hielt Kultur-Ökonomin Raquel Fernández im vergangenen Sommer die renommierte „Marshall-Lecture“ dazu. Selbst Ökonomie-Nobelpreisträger Edmund Phelpsforscht über das Thema und ist überzeugt: „Die Kultur eines Landes ist mitentscheidend für seine wirtschaftliche Performance.“

Dafür gibt es harte wissenschaftliche Belege. So ist das Wirtschaftswachstum in Ländern, in denen bestimmte religiöse Überzeugungen – vor allem der Glauben an Himmel und Hölle oder ein Leben nach dem Tod – ausgeprägter sind, höher als in Staaten, wo dies nicht der Fall ist, zeigen die Forscher Robert Barro und Rachel McCleary.

Die Hypothese der Wissenschaftler: Religion ist wichtig für die wirtschaftliche Performance, weil Kirche und Glauben bestimmte Charakterzüge prägen – zum Beispiel die Einstellungen gegenüber Sparsamkeit, und Ehrlichkeit, die Arbeitsmoral und Offenheit Fremden gegenüber.

Türöffner für kulturökonomische Analysen war das Thema Vertrauen. Denn die Bereitschaft, anderen Menschen zu vertrauen, wird stark von kulturellen Faktoren beeinflusst – und ist gleichzeitig für das wirtschaftliche Verhalten von Menschen von entscheidender Bedeutung: Wer ständig erwartet, von Fremden über den Tisch gezogen zu werden, lässt sich auf viele Geschäfte erst gar nicht ein, für die gegenseitiges Vertrauen nötig ist.

Bei Menschen, die regelmäßig Gottesdienste besuchen, ist das Vertrauen in andere überdurchschnittlich ausgeprägt. Solche Menschen machen sich deutlich häufiger selbständig und investieren eher am Aktienmarkt, zeigen die Ökonomen Luigi Guiso, Paola Sapienza und Luigi Zingales.

Um den Einfluss von Kultur wissenschaftlich valide nachzuweisen, müssen Wirtschaftswissenschaftler erheblichen methodischen Aufwand betreiben. Denn kulturelle Faktoren von klassischen ökonomischen Einflüssen zu separieren, ist schwer.

Raquel Fernández ist dieses Kunststück zusammen mit ihrer Kollegin Alessandra Fogli gelungen. Sie ließen sich von der medizinischen Forschung inspirieren. Wenn Ärzte zum Beispiel herausfinden wollen, ob genetische oder umweltbedingte Faktoren dafür verantwortlich sind, dass Japaner seltener Herzinfarkte bekommen, vergleichen sie Japaner, die in ihrer Heimat leben, mit solchen, die in die USA ausgewandert sind. Letztere haben zwar die gleiche genetische Disposition, wachsen aber in einer anderen Umgebung auf. Aus den Unterschieden zwischen beiden Gruppen kann man ablesen, welche Rolle Gene und Umwelteinflüsse spielen.

Diese Methode haben Fernández und Fogli auf kultur-ökonomische Fragestellungen übertragen – und sprechen in Anlehnung an die Terminologie der Mediziner vom „epidemiologischen Ansatz“. Sie haben damit untersucht, wie groß der Einfluss kultureller Fragen darauf ist, ob Frauen berufstätig sind oder nicht.

Dabei konzentrieren sich die Wissenschaftlerinnen auf US-Amerikanerinnen, die selbst schon in den Vereinigten Staaten geboren wurden, deren Eltern aber eingewandert sind. Die politischen und ökonomischen Institutionen sind für all diese Frauen identisch – nicht aber der kulturelle Hintergrund der Eltern.

Fernández und Fogli weisen nach: Die Erwerbsneigung von Frauen, die 1970 zwischen 30 und 40 Jahre alt waren, korreliert stark mit den Verhältnissen im Heimatland ihrer Eltern. Je höher 1950 die Erwerbsbeteiligung der Frauen in den Herkunftsländern ihrer Eltern war, desto eher waren Jahrzehnte später die in Amerika geborenen Töchter erwerbstätig.

Der gleiche Zusammenhang zeigte sich bei der Zahl der Kinder. Besonders stark ist der Effekt in Stadtvierteln, in denen viele Einwanderer aus einem Land wohnen. „Der kulturelle Hintergrund spielt eine erhebliche Rolle beim Arbeitsangebotsverhalten von Frauen“, lautet das Fazit von Fernández und Fogli.

Ähnliches gilt für Konsum-Spar-Entscheidungen von Menschen. Traditionell gehen Wirtschaftsforscher davon aus, dass Menschen sich dabei an ökonomischen Faktoren orientierten – vor allem ihrem derzeitigen und ihrem zukünftigen Einkommen sowie der erwarteten Steuer- und Rentenpolitik.

Dem Forschertrio Guiso, Sapienza und Zingales dagegen gelang der Nachweis: Auch normative Vorstellungen darüber, ob Sparsamkeit eine wichtige Tugend ist, sind sehr wichtig für das Sparverhalten. „Die Bedeutung, die diese kulturelle Variable für die Erklärung von länderübergreifenden Unterschieden bei der Sparquote hat, ist genauso groß wie die von ökonomischen Größen“, lautet das Fazit ihrer Untersuchung.

Die wirtschaftlichen Folgen solcher kultureller Differenzen können erheblich sein, zeigt Guido Tabellini von der Bocconi-Universität in Mailand. In einer Untersuchung kommt er zu dem Schluss: In europäischen Regionen mit höherer Prosperität haben die Menschen Wertvorstellungen, die für das Wirtschaftsleben in einer entwickelten Volkswirtschaft besonders günstig sind. So lassen sich auch die teilweise großen Entwicklungsunterschiede zwischen Regionen erklären, die – wie in Italien – seit mehr als 150 Jahren einen Nationalstaat mit einheitlichen Institutionen bilden.

Die These, dass regionale Kulturunterschiede das wirtschaftliche Verhalten von Menschen prägen, bestätigt eine Studie von Andrea Ichino und Giovanni Maggi. Sie gingen der Frage nach, warum der Krankenstand in Süditalien stets deutlich höher ist als im Norden des Landes. Dafür werteten sie detaillierte Personaldaten einer großen italienischen Bank aus und stellten fest: Der Geburtsort eines Angestellten hat erheblichen Einfluss darauf, wie oft er krankfeiert. Beschäftigte, die im Süden des Landes zur Welt kamen, haben deutlich höhere Fehlzeiten – auch dann, wenn sie seit Jahren in Norditalien arbeiten.

Auch für die konkrete Wirtschaftspolitik sind die Erkenntnisse der Kultur-Ökonomen von Bedeutung. Denn wenn das wirtschaftliche Verhalten von Menschen auch von ihrer Kultur bestimmt wird, dann lassen sich Reform-Rezepte nicht ohne weiteres von einem Land aufs andere übertragen.

So stellen die französischen Wissenschaftler Yann Algan und Pierre Cahuc die These auf: Die dänische „Flexicurity“-Politik, die eine generöse Absicherung von Arbeitslosen mit einem lockeren Kündigungsschutz verbindet, wäre aufgrund kultureller Differenzen für andere kontinentaleuropäischen Länder nicht geeignet. Denn die Politik funktioniere nur, weil Dänen extrem ehrlich seien und es dort verpönt sei, unberechtigt staatliche Leistungen zu beziehen.

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