Was Anleger von der "Behavioral Finance" lernen können: Vorsicht, Falle! Ein Investmentfonds

Was Anleger von der "Behavioral Finance" lernen können
Vorsicht, Falle! Ein Investmentfonds

Privatanleger sollten die Erkenntnisse der modernen Finanzmarktforschung beachten – sonst zahlen sie drauf. Der Mannheimer Ökonomie-Professor Martin Weber zeigt in einem neuen Buch, was alles schief gehen kann.

Stellen Sie sich vor, Sie bekommen viermal in Folge einen Brief von einer obskuren Anlagegesellschaft mit einem Investment-Tipp, der sich jedesmal als richtig erweist. Wenn Sie jetzt in Versuchung kommen, diesen Beratern Ihr Geld anzuvertrauen, dann sitzen Sie mit hoher Wahrscheinlichkeit einem Anlagebetrüger auf, der sich mit Ihrem Geld aus dem Staub macht. Sie haben nämlich nur deshalb vier Briefe bekommen, weil Sie zufällig von ein paar tausend Empfängern des ersten Briefes einer derjenigen waren, bei denen die erste, die zweite, die dritte und die vierte Empfehlung aufgegangen sind.

Die Betrüger nutzen mit dieser Masche einen Denkfehler aus, der fast allen Investoren immer wieder unterläuft. Wenn ein paar Mal hintereinander unsere Wetten am Finanzmarkt aufgegangen sind, denken wir: Das kann doch nicht Zufall sein. „Erfolge rechnen wir eher eigenen Fähigkeiten als äußeren Einflüssen zu“, erklärt der Mannheimer Ökonomieprofessor Martin Weber.

Weber ist ein Pionier der „Behavioural Finance“, der verhaltenswissenschaftlich orientierten Finanzmarktforschung. Diese untersucht mit Rückgriff auf Erkenntnisse der Psychologie, warum Anleger immer wieder die gleichen Fehler machen – und wie sich diese vermeiden lassen.

Gerade mit der wichtigsten Erkenntnis der Finanzmarktforschung haben wir Normalsterblichen ein großes Akzeptanzproblem: „Aktienkurse und Aktienrenditen sind zufällig.“

Für diese These bringt Weber in seinem gerade erschienenen Buch „Genial einfach investieren“ jede Menge wissenschaftliche Belege bei. Zum Beispiel den: Die täglichen Renditen der Werte des Deutschen Aktienindexes (Dax) lassen sich in ihren statistischen Eigenschaften nicht von einer Reihe unterscheiden, in der ein Zufallsgenerator die gleichen Werte durcheinander gewürfelt hat.

Mit der Logik der Markteffizienz lässt sich diese Zufälligkeit – oder vielleicht besser Unvorhersehbarkeit – zwingend herleiten. Das finanzwissenschaftliche Konzept der Markteffizienz besagt: In einem funktionierenden Finanzmarkt sind alle öffentlich verfügbaren Informationen in den Kursen enthalten. Während Sie noch darüber nachdenken, ob eine bestimmte Nachricht gut oder schlecht für eine bestimmte Aktie ist, hat der Markt schon längst sein Urteil gefällt. Wenn Sie eine Stunde oder gar einen Tag später Ihren Kaufauftrag erteilen, hängt es nur noch von neuen, unvorhersagbaren Ereignissen ab, ob Sie damit richtig liegen oder falsch.

Das zu akzeptieren fällt schwer, zumindest in unserem Kulturkreis. Der Glaube an die Beherrschbarkeit des Schicksals ist tief in uns verankert. Das ist auch gut so, bewahrt es uns doch vor Fatalismus und treibt uns zu hohen Leistungen an. Aber an den Finanzmärkten schadet einem Strebsamkeit und Aktivismus nur. Seines Glückes Schmied ist man dort nur in einem Sinne: Man muss gekonnt mit dem Zufall umgehen und psychologische Fallen vermeiden, will man keine Rendite verschenken und keine unnötigen Risiken eingehen.

„Die meisten Menschen unterliegen der Kontroll- und der Wissensillusion“, sagt Weber. Sie glauben, ihren Anlageerfolg durch geschicktes Kaufen und Verkaufen steuern zu können, und verwechseln Information mit relevantem Wissen.

Wie sehr sie damit danebenliegen, haben die beiden italienischen Wirtschaftsforscher Luigi Guiso und Tullio Japelli jüngst eindrucksvoll nachgewiesen. Sie stellten fest, dass der Analgeerfolg der Kunden eines italienischen Direktbrokers umso geringer war, je mehr Zeit diese darauf verwendeten, sich zu informieren.

Der Hauptgrund: Wenn man sich viel informiert, bekommt man immer wieder Informationen, die einen dazu verleiten, Wertpapiere zu kaufen oder zu verkaufen. Die Information ist im Durchschnitt nutzlos, aber bei jedem Kauf oder Verkauf fallen Gebühren und Kosten an. Je öfter man sein Portfolio umschichtet, desto schlechter schneidet man ab. Weil Frauen sich weniger zutrauen und sich weniger informieren, tappen sie nicht so leicht in diese Falle und erzielen im Durchschnitt höhere Renditen als Männer.

In den letzten Jahren hat eine ganze Reihe wissenschaftlicher Studien den Analgeerfolg von Privatinvestoren in großem Maßstab analysiert – mit dem immer gleichen Ergebnis: Privatanleger schneiden deutlich schlechter ab als der jeweilige umfassende Vergleichsindex, und ihre Performance ist umso schlechter, je häufiger sie kaufen und verkaufen. Nur das Ausmaß des festgestellten Renditenachteils der Privatanleger unterscheidet sich von Studie zu Studie.

Dass wir Privatanleger die am Finanzmarkt nötige Demut noch nicht gelernt haben, obwohl wir mit unseren Kauf- und Verkaufsentscheidungen häufiger daneben- als richtig liegen, erklärt Weber mit Erkenntnissen der Psychologie. Ebenso, wie sich die weitaus meisten Menschen für überdurchschnittlich gute Autofahrer halten, trauen sie sich auch als Investoren überdurchschnittlich viel zu. Wir schützen unbewusst unser Selbstwertgefühl, indem wir Erfolge stärker wahrnehmen als Misserfolge und uns für Misserfolge zusätzlich noch externe Gründe bereitlegen.

Für den Anleger, der bereit ist, sich in Demut zu üben, hat die Wissenschaft einige Ratschläge im petto. Der wichtigste lautet: „Diversifizier und lege nicht alle Eier in ein Nest!“ Weber: „Etwa 20 verschiedene sinnvoll ausgewählte Wertpapiere im Portfolio genügen.“ Damit lässt sich einigermaßen sicherstellen, dass sich Gewinne und Verluste so ausgleichen, dass das Schwankungsrisiko des gesamten Portfolios nahe am idealen Verhältnis zum erwarteten Ertrag liegt.

Voraussetzung dafür ist allerdings, dass die einzelnen Titel sich nicht zu sehr im Gleichlauf bewegen. Technisch gesprochen, sollten sie eine niedrige oder gar negative Korrelation aufweisen. In der Praxis bedeutet dies: Anleger sollten sich für verschiedene Branchen, Größenklassen von Unternehmen und Länder entscheiden – und neben Aktien auch für andere Anlageinstrumente.

Die Diversifizierung über Investitionen in einzelne Titel herzustellen ist aufwendig und für kleine Vermögen auch übermäßig teuer. Einen Ausweg bieten Fonds, mit denen man sich indirekt eine Vielzahl verschiedener Titel ins Depot legt.

Aber Fonds ist nicht gleich Fonds. „Aktiv verwaltete Fonds, die ständig Wertpapiere kaufen und verkaufen, können den Markt nicht schlagen“, fasst Weber das Ergebnis vieler wissenschaftlicher Studien zusammen. Berücksichtige man die versteckten und offen ausgewiesenen Kosten, dann seien sie deutlich schlechter als der Markt. Passive Fonds, zum Beispiel die so genannten „Exchange Traded Funds“, die einfach Indizes wie den Dax nachbilden, sind viel billiger und haben eine mindestens genauso gute Rendite.

Eines macht das Diversifizieren kompliziert: Man muss sein gesamtes Vermögen betrachten – das, was auf der Bank liegt, ebenso wie den Immobilienbesitz und nicht zuletzt sein eigenes Einkommenserzielungspotenzial. Letzteres ist zwar im Vergleich zu den anderen Vermögensbeständen oft sehr groß, lässt sich aber allenfalls grob schätzen. Deshalb ist es kaum möglich, ganz richtig zu liegen. Man kann aber leicht große Fehler machen. Oft hängt das eigene künftige Gehalt stark davon ab, wie es dem eigenen Arbeitgeber geht. Wenn der Arbeitgeber ein großes Unternehmen ist, hängt vielleicht auch noch der Wert des eigenen Hauses davon ab. „Wenn man sich dann auch noch Aktien des gleichen Unternehmens ins Depot nimmt, dann hat man viel zu viele Eier in einem Nest liegen“, warnt Weber.

Norbert Häring berichtet für das Handelsblatt über Wirtschaftswissenschaften. Quelle: Pablo Castagnola
Norbert Häring
Handelsblatt / Ökonomie-Korrespondent
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