Was ist der Neo-Keynesianismus?
Die stille Renaissance von Keynes

Wenige Dinge sind in der wirtschaftspolitischen Diskussion in Deutschland so sehr verpönt wie der Keynesianismus und seine Ideen. In der internationalen Makro-Ökonomie hat Keynes jedoch ein heimliches Comeback erlebt. Lesen Sie, was sich hinter dem Neo-Keynesianismus verbirgt - und warum er nichts mit Oskar Lafontaine und Co. zu tun hat.
  • 0

Verstaubt, widerlegt, von vorgestern – es ist kein gutes Image, das den Theorien des 1946 verstorbenen britischen Wirtschaftswissenschaftlers John Maynard Keynes in der wirtschaftspolitischen Diskussion in Deutschland anhängt. Wegen der schlechten Erfahrungen in den sechziger und siebziger Jahren steht „Keynesianismus“ für den überzogenen Glauben an die Allmacht von Wirtschaftspolitik, für unwirksame staatliche Ausgabenprogramme und für „Stagflation“.

Allerdings: In der modernen internationalen Makroökonomie hat Keynes in den vergangenen Jahren eine stille Renaissance erlebt. Der sogenannte „Neukeynesianismus“ hat sich zu einer weithin akzeptierten ökonomischen Schule entwickelt. Mit der „antizyklischen Globalsteuerung“ und einer Wirtschaftspolitik à la Lafontaine hat diese allerdings nichts gemein.

Neokeynesianische Modelle gehören sowohl in der Forschung als auch in der Geldpolitik zum Standard. „In vielen Zentralbanken dieser Welt spielen neokeynesianische Modelle heute eine wichtige Rolle“, sagt Mathias Trabandt, Ökonom an der Sveriges Riksbank. Die schwedische Notenbank ist einer der Vorreiter in diesem Forschungsfeld und hat mikrofundierte neokeynesianische Modelle entwickelt. „Wir benutzen diese für unsere geldpolitischen Prognosen und Analysen“, sagt Trabandt. Auch die US-Notenbank Federal Reserve, die Europäische Zentralbank (EZB), die Zentralbanken Norwegens und Neuseelands arbeiten mit neokeynesianischen Modellen.

Sosehr sich die einzelnen Modelle im Detail auch unterscheiden, ein gemeinsames Charakteristikum haben sie alle: Sie berücksichtigen, dass die wirtschaftlichen Aktivitäten in der Realität nicht absolut reibungslos vonstatten gehen, sondern dass es Friktionen gibt. So passen Unternehmen ihre Preise nicht sofort und vollständig an veränderte Marktsituationen an, auch die Löhne reagieren nicht in Echtzeit auf Veränderungen des Arbeitsmarkts. „Sticky prices“ und „sticky wages“ nennen Neokeynesianer dieses Phänomen. Beide werden in den neoklassischen Makromodellen, die in den vergangenen Jahrzehnten den Keynesianismus der alten Schule verdrängten, nicht berücksichtigt.

Seite 1:

Die stille Renaissance von Keynes

Seite 2:

Seite 3:

Kommentare zu " Was ist der Neo-Keynesianismus?: Die stille Renaissance von Keynes"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%