Weltökonomen
Dambisa Moyo: Querdenkerin mit klaren Worten

Die westliche Entwicklungshilfe für Afrika trägt entscheidend zur gegenwärtigen Misere auf dem Kontinent bei. Zu diesem Schluss kommt die sambische Ökonomin Dambisa Moyo in ihrem Buch "Dead aid". Ihre Streitschrift ist eine Abrechnung mit den Hilfsprogrammen der vergangenen 60 Jahre und eine Aufforderung an korrupte Politiker, endlich für ein wirtschaftsfreundliches Umfeld in Afrika zu sorgen.
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KAPSTADT. Noch vor wenigen Jahren wäre es fast unmöglich gewesen, Intellektuelle zu finden, die Nutzen und Umfang der vom Westen gewährten Entwicklungshilfe offen kritisiert hätten. Wer in der Zeit von Live Aid um Rockmusiker wie Bono und Bob Geldorf aufwuchs, der hielt diese karitative Form der Afrikahilfe nicht nur für ökonomisch sinnvoll, sondern auch für moralisch angemessen.

Nun übt ausgerechnet eine schwarze Frau Kritik an der gegenwärtigen Form der Entwicklungshilfe - und der damit verbundenen Hilfsindustrie. Mit ihrem Buch "Dead aid" tritt die sambische Investmentbankerin Dambisa Moyo der westlichen Hilfsindustrie kräftig auf die Füße. Die Tochter eines sambischen Anti-Korruptionsaktivisten und einer Bankerin ist vor allem darüber verärgert, wie wenig Afrika selber zu Wort kommt, obwohl der Kontinent im Mittelpunkt der Debatte steht. "Die meisten Europäer würden es sich doch auch nicht gefallen lassen, wenn ihnen Rockmusiker Ratschläge zur Lösung der Finanzkrise geben würden" sagt sie. "Warum sollen Afrikaner solche Ratschläge einfach akzeptieren?"

Ihr Buch ähnelt denn auch mehr einer Streitschrift: Es ist eine gnadenlose Abrechnung mit den westlichen Hilfsprogrammen der vergangenen 60 Jahre, deren Beliebigkeit Moyo scharf kritisiert. Sie ist davon überzeugt, dass die westliche Hilfe nicht nur spektakulär fehlgeschlagen ist, sondern entscheidend zur gegenwärtigen Misere in Afrika beiträgt: Hilfsgelder verdrängen ihrer Ansicht nach oftmals die viel wichtigeren Privatinvestitionen, führen zu Marktverzerrungen, fördern Korruption und unterhöhlen damit den Aufbau rechtstaatlicher Institutionen. Bereits jetzt seien die von der oft ungezielten Hilfe ausgelösten Probleme derart bedrohlich, dass sich die Lage erst nach der Demontage des gesamten Systems verbessern könne.

Dafür verlangt die schwarze Akademikerin, die in Harvard und Oxford studiert hat, weit radikalere Maßnahmen als das bloße Zurückschneiden der gegenwärtigen Hilfsbudgets. "Wie wäre es, wenn die Geber Afrikas Machthaber wissen ließen, dass die Geldhähne in fünf Jahren permanent zugedreht werden?" fragt sie, um selbst gleich zu antworten: Es würde die Suche nach alternativen Finanzquellen beschleunigen und Afrikas korrupte Führer womöglich zwingen, endlich ein wirtschaftsfreundlicheres Umfeld zu schaffen.

Bei solch deutlichen Worten überrascht es nicht, dass Moyo bei der Hilfsindustrie in Ungnade gefallen ist. Einige werfen ihr vor, ihre Kritik sei unausgegoren und vollkommen überzogen. Andere kritisieren, dass sie nicht genügend zwischen den unterschiedlichen Formen der Entwicklungshilfe unterscheide. Dabei geht es der Enddreißigjährigen - ihr genaues Alter verrät sie nicht - gar nicht um Erfolg oder Misserfolg einzelner Projekte, sondern um die Folgewirkungen, die die Milliardensummen auf die afrikanischen Gesellschaften haben.

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