Weltökonomen
Der Ergründer des Irrationalen

Robert Shiller gehört zu den Stars der Wirtschaftswissenschaften. Viele seiner Ideen zur Börsenpsychologie gelten inzwischen als State of the Art. Trotzdem bleibt er umstritten. Denn er warnte bereits frühzeitig vor dem Immobilien- und Börsencrash – und mischte doch selbst dabei mit.
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NEW HAVEN. Robert Shiller als vorsichtig zu beschreiben, wäre eine Untertreibung. Um Alkohol macht er einen großen Bogen, weil das ja Kontrollverlust bedeuten könnte. Nicht einmal in seinem Leben sei er betrunken gewesen, beteuert der 63-Jährige im Handelsblatt-Interview.

Auch nüchtern überlässt er das Autofahren regelmäßig anderen: „Eine falsche Bewegung reicht, und der Tod ist da. Einfach so“, sagt Shiller und schnippt mit den Fingern, als wolle er die Winzigkeit eines Augenblicks aufzeigen. Als geradezu „besessen, in allen Lebenslagen Risiken einzugrenzen“, beschreibt ihn das US-Magazin „Fortune“. Shiller, der hochdekorierte Yale-Professor, nennt es sein „Gespür für die Realität“.

Ein nüchterner Blick auf die Realitäten kann frustrierend sein, manchmal. Es kommt nicht von ungefähr, dass einer wie Shiller vor dem Börsencrash und der großen Immobilienblase in den USA warnen musste. Schon im Jahr 2000, als das inzwischen graumelierte Haar noch blond und die Finanzwelt noch von steil ansteigenden Aktienkursen euphorisiert war, nahm der Schlaks das Image des Spielverderbers in Kauf. Kaum hatte Shiller sein Buch „Irrationaler Überschwang“ auf den Markt gebracht, begann der weltweite Börsensturz. Sein hellsichtiges Werk wurde zum Bestseller und machte den Ökonomen, der im beschaulichen New Haven in Connecticut lebt, weit über die Wall Street hinaus bekannt.

Shiller ist dennoch kein Star-Ökonom in Nadelstreifen geworden: Bis heute zeigt sich der Mann selbst auf hochkarätig besetzten Kongressen in Billig-Sakko und ausgetretenen Sportschuhen. Er besitzt ein Sommerhäuschen auf einer kleinen Insel in der Nähe von New Haven, hat dort aber keinen Strom. Er betreibt im Nebenjob eine Investmentfirma und liefert doch ein Kontrastprogramm zur US-Hochfinanz: Als die 2003 begann, zweifelhafte Immobilienhypotheken im ganzen Land zu verteilen und wie am Fließband in Kreditderivate zu packen, hob der Querdenker aus Yale erneut den Zeigefinger. Heute trägt einer der bedeutendsten Gradmesser dieser Krise, der US-Hauspreis-Index Case/Shiller, seinen Namen.

Dabei ist Shiller, der in Michigan als Sohn eines Industrie-Unternehmers aufwuchs, kein Schwarzseher mit nur finsteren Gedanken. Wirtschaftskrisen sind für ihn nicht das Ende der Welt, sondern das Ergebnis von „Fehlentwicklungen“, aus denen die Finanzwelt viel lernen könne. Wenn sie künftig bessere Absicherungsinstrumente gegen heftige Preisschwankungen an den Märkten anbiete, könne die Wirtschaft nach der Krise weniger riskant für alle sein, ist seine Überzeugung.

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