Weltökonomen
Diagnostiker des amerikanischen Desasters

Der US-Starökonom John Taylor gilt nicht erst seit der Finanzkrise als schärfster Kritiker der US-Notenbank Federal Reserve. Wenn es einen Querdenker in der Aufarbeitung der Finanzkrise gibt, dann ist es John Taylor.

ZÜRICH. Entgegen dem allgemeinen Konsens, dass die Krise durch ein eklatantes Marktversagen ausgelöst wurde, beharrt der Wirtschaftsprofessor an der Eliteuniversität Stanford auf einer ganz anderen Theorie: Der Staat habe die Misere nicht nur ausgelöst, sondern durch seine Interventionen noch verschlimmert. Mit seiner dezidierten Meinung ist Taylor zum schärfsten Kritiker der amerikanischen Notenbank und der staatlichen Konjunkturprogramme avanciert.

Der kleine, untersetzte Mann mit den grauen Haaren und der etwas zu großen Brille hat für mehrere Präsidenten als Berater im Weißen Haus gearbeitet, zuletzt von 2001 bis 2005 als Staatssekretär für internationale Angelegenheiten im Finanzministerium der Bush-Administration.

International bekannt geworden ist der 62-jährige New Yorker durch seine berühmte "Taylor-Rule". Die Regel besagt, dass eine Notenbank ihre Zinspolitik davon abhängig machen soll, wie weit sich die Inflation von ihrem gewünschten Niveau und die Wirtschaft von ihrem Wachstumspotenzial entfernt hat. Diese Faustregel fand eine derart große Akzeptanz in der US-Geldpolitik, dass sie als zuverlässiges Instrument galt, um die nächsten Zinsschritte der Federal Reserve vorauszusagen. Taylors Kritik richtet sich daher vor allem darauf, dass die Federal Reserve den Pfad der Tugend 2003 verlassen und mit einer allzu lockeren Geldpolitik die Finanzkrise heraufbeschworen hat. "Es gibt Belege, dass die übertriebene Risikofreude durch überaus niedrige Zinsen gefördert wurde", so Taylor.

Die Fed hat nach Ansicht des Starökonomen die Krise jedoch nicht nur verursacht, sondern durch eine falsche Diagnose und Behandlung verschlimmert. Der immer bescheiden auftretende und deshalb of unterschätzte Taylor moniert, dass die Notenbanken das Desaster auf den Finanzmärkten fälschlicherweise zunächst als reine Liquiditätskrise betrachtet hätten. Entsprechend hätten sie versucht, die Misere mit massiven Geldspritzen in den Griff zu bekommen.

Tatsächlich handelt es sich nach Taylor jedoch um eine Vertrauenskrise, der man nur mit gezielten Maßnahmen zur Offenlegung und Stärkung der Bankbilanzen beikommen kann. Das sei viel zu spät erkannt worden. Zudem räumt Taylor mit dem weit verbreiteten Vorurteil auf, die Finanzkrise sei durch den Zusammenbruch der Investmentbank Lehman Brothers eskaliert. Erst das missratene Rettungsprogramm der Regierung im Herbst 2008 habe zu der panischen Verunsicherung auf den Finanzmärkten geführt.

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