Weltökonomen
Raghuram Rajan: Delhis neues Denken

Schon früh warnte Raghuram Rajan vor einer Finanzkrise in den USA. Vor allem wegen dieser Weitsicht machte ihn Indiens Premierminister Manmohan Singh zu seinem Wirtschaftsberater. Über einen Querdenker, der nicht mit der Meute heult.

NEU-DELHI. Ausgerechnet einen Empfang amerikanischer Topökonomen zu Ehren von Notenbankchef Alan Greenspan hatte sich Raghuram Rajan für seine Warnung vor einem drohenden Kollaps der Finanzmärkte ausgesucht. Die Bilanzen der Banken seien voller trügerischer Sicherheiten, hielt Rajan – damals Chefökonom des Internationalen Währungsfonds – den sichtbar ungläubigen Zuhörern vor. Es müsse nur ein Institut in Schieflage geraten, dann würden alle das Vertrauen verlieren, der Interbanken-Markt werde zusammenbrechen und am Ende stehe eine ausgewachsene Finanzkrise.

Das war vor genau vier Jahren. Greenspan befand sich auf dem Höhepunkt seines Ruhmes, er hatte Amerika durch eine Periode beispiellosen Wohlstands geführt. Er musste gar nicht selbst die Gegenrede führen, das taten andere für ihn. Larry Summers zum Beispiel, ehemaliger US-Finanzminister. Ein irreführender Vortrag auf Basis einseitiger Prämissen sei das gewesen, kanzelte er Rajan ab. Niemand im Publikum widersprach.

Vergangenes Jahr allerdings passierte genau das, was Rajan vorhergesagt hatte. Und der gebürtige Inder mit Lehrstuhl an der renommierten University of Chicago wurde plötzlich gefeiert für seine Weitsicht und seinen Mut. Ein Querdenker, der nicht mit der Meute heult. „Ich wollte eigentlich darüber schreiben, wie die Finanzmärkte unter Greenspan sicherer geworden waren“, erinnert sich Rajan.

Doch je länger er sich mit dem Thema beschäftigt habe, desto größer seien seine Zweifel geworden. Am Ende hatte sich die Hypothese in ihr Gegenteil verkehrt. Es soll diese Unbestechlichkeit in der Analyse gewesen sein, die Indiens Premierminister Manmohan Singh, selbst ein glänzender Ökonom, an Rajan beeindruckt hat. Ende 2008 machte er ihn zu seinem Wirtschaftsberater. Die Verhandlungen der G20-Staaten über eine neue globale Finanzarchitektur standen bevor.

Indien suchte nach seiner Rolle im Klub der großen Wirtschaftsmächte. Nach einer Position, die gehört wird. Rajan war dafür genau der Richtige. Maßgeblich hat der 46-Jährige Singhs Vorschläge zu einer weltweit abgestimmten Finanzmarktaufsicht geprägt. Und wenn Indiens Premier vor einer zu starken Regulierung und einem Rückfall in den Protektionismus warnt, dann könnte auch Rajan der Mahner sein. Eine indische Tageszeitung hat ihn vor einigen Monaten zum einflussreichsten Ökonomen des Landes gewählt, obwohl er weiterhin in den USA lebt und lehrt. Den Wirtschaftsberater macht er nur im Nebenjob.

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