Werkstattbericht eines Spitzenforschers - Ernst Fehr im Interview
„Wo liegt das Dynamit vergraben?“

Im Handelsblatt-Interview beschreibt der Züricher Top-Ökonom Ernst Fehr seine Arbeitsweise und gibt Tipps für Nachwuchsforscher.

Herr Professor Fehr, kein anderer Volkswirt aus dem deutschsprachigen Raum hat seit 2002 so viele Aufsätze in den besten internationalen Fachzeitschriften veröffentlicht wie Sie. Was ist Ihr wichtigster Tipp für Nachwuchswissenschaftler?

Mein zentraler Rat an den, der die Ergebnisse seiner Arbeit prominent veröffentlichen will, klingt vielleicht im ersten Moment etwas banal. Aber er dreht sich um eine der wichtigsten und in der Praxis oft schwierigsten Voraussetzungen für einen richtig guten Aufsatz. Um ein Paper zu schreiben, das es in die fünf Spitzenzeitschriften schaffen kann, müssen Sie sich als Autor hundertprozentig darüber im Klaren sein, wo genau der Knackpunkt ihres Themas liegt. Sie müssen für sich selbst messerscharf herausarbeiten: Wo liegt das Dynamit vergraben? Was ist mein Asset? Danach müssen Sie dann hart daran arbeiten, diesen Punkt exakt zu Papier zu bringen.

Wie lange dauert das bei Ihnen erfahrungsgemäß?

Das ist von Paper zu Paper unterschiedlich. In aller Regel geht es mir so, dass auch eine neue Arbeit, die ich schon mehrfach vorgetragen habe, letztlich noch unfertig ist. Um ein gutes Paper zu schreiben, darf man keine Verlustaversion gegenüber früheren Versionen der eigenen Arbeit haben. Man muss den Mut besitzen, im Zweifel alles über den Haufen zu werfen und mit dem Schreiben noch einmal ganz von vorne anzufangen.

Wie muss man sich das konkret vorstellen?

Ein schönes Beispiel dafür ist ein Aufsatz, den ich mit Martin Brown und Armin Falk in "Econometrica" veröffentlicht habe. Bevor wir ihn einreichten, hatten wir ihn intern drei Mal komplett umgeschrieben. Dann bekamen wir ihn vom Gutachter mit Änderungswünschen zurück. Anschließend habe ich eine vierte Version geschrieben, worauf mir Armin Falk sagte, man müsse das nochmal komplett umkrempeln.

Das klingt nervenaufreibend.

In der Tat. In einem guten Paper steckt manchmal so viel Arbeit wie in einem guten Buch. Ich glaube, dass viele Wissenschaftler dazu neigen, ihre Arbeiten in einem viel zu frühen Stadium bei den Fachzeitschriften einzureichen. Das ist aus der persönlichen Sicht durchaus verständlich: Auch mir geht es immer wieder so, dass ich ein Paper einfach nur noch vom Tisch haben möchte. Man hat es schon zigmal umgeschrieben, und irgendwann hat man es einfach nur noch satt. Doch man muss die Kraft entwickeln, diesen Reflex zu unterdrücken und so lange an dem Aufsatz zu arbeiten, bis er richtig gut ist.

Man kann fast den Eindruck bekommen: Für eine wissenschaftliche Karriere ist es wichtiger, wo man veröffentlicht hat - und nicht was. Wird die Bedeutung der Top-Zeitschriften nicht übertrieben?

Am Ende kommt es nach wie vor auf die Qualität der einzelnen Arbeiten an. Die Qualitätsstufe des Journals, in dem sie veröffentlicht wird, ist dafür ein Indikator. In aller Regel - aber natürlich nicht in jedem Einzelfall - sind Aufsätze, die es in die Spitzenjournals schaffen, wissenschaftlich State of the Art. Hinzu kommt: In einer guten Zeitschrift werden ihre Forschungsergebnisse viel stärker wahrgenommen. Ein gutes Paper in einem guten Journal geht ab wie eine Rakete. Das gleiche Paper in einer schlechten Zeitschrift wird in aller Regel wesentlich weniger beachtet.

Vier der fünf Top-Journals in der Wirtschaftswissenschaft werden in Amerika herausgegeben und editiert. Sind Forscher in Europa dadurch im Nachteil?

Ja, für europäische Wirtschaftswissenschaftler ist diese US-Dominanz ein entscheidender Wettbewerbsnachteil. Es gibt zwar immer mehr Beispiele dafür, dass es europäische Ökonomen in die amerikanischen Spitzenjournals schaffen. Aber durch die soziale Nähe zu den Herausgebern haben es Wissenschaftler an US-Universitäten leichter, ihre Forschungsergebnisse bei den besten Adressen zu platzieren. Es gibt bei den Journals Zutrittsbarrieren, die nichts mit Qualität zu tun haben.

Die European Economic Association (EEA), deren Vize-Präsident Sie sind, will ihr 2003 gegründetes "Journal of the European Economic Association" (JEEA) zum sechsten Spitzenjournal machen - ganz schön ambitioniert.

Nein, das ist ein realistisches Ziel. Interne Zahlen eines Wissenschaftsverlags zeigen: Wenn man den Konferenzband zur EEA-Jahrestagung ausklammert, wird ein Artikel aus dem JEEA im Schnitt schon heute so oft zitiert wie ein Aufsatz des "Review of Economic Studies". Ich bin davon überzeugt: Wenn wir die richtige Herausgeberpolitik fahren und aktiv die besten Aufsätze, die auf dem Markt sind, für das JEEA anwerben, dann können wir es in wenigen Jahren als sechstes internationales ökonomisches Spitzenjournal dauerhaft etablieren.

Das Gespräch führte Olaf Storbeck.

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