Wirtschaftsgeographie Warum gibt es eigentlich Düsseldorf?

Ohne prosperierende Städte hätte es den wirtschaftlichen Aufstieg Europas nicht gegeben. Aber wovon hängt es ab, ob sich eine Siedlung zu einer Stadt entwickelt oder nicht? Zwei Wirtschaftsgeographen beantworten diese Frage in einer faszinierenden Studie.
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Der Medienhafen in Düsseldorf. Quelle: Pressebild

Der Medienhafen in Düsseldorf.

(Foto: Pressebild)

Viele Kölner stellen sich diese Frage regelmäßig: Warum gibt es eigentlich Düsseldorf?

Die Antwort, die niederländische Wissenschaftler jetzt auf diese Frage geben, dürfte den Kölnern nicht gefallen. Denn einiges spricht dafür, dass sie den Aufstieg des ungeliebten Lokalrivalen gut 40 Kilometer weiter nördlich teilweise selbst zu verantworten haben.

Die Wirtschaftsgeografen Maarten Bosker (Universität Groningen) und Eltjo Buringh (Universität Utrecht) haben untersucht, warum es die Städte gibt, die heute in Europa existieren, und warum andere Siedlungen klein geblieben sind. Die Wissenschaftler konzentrieren sich auf die Zeit zwischen 800 und 1800. In diesen Jahren bildeten sich die urbanen Strukturen heraus, die das Gesicht des Kontinents bis heute prägen und die Europas wirtschaftlichen Aufstieg möglich machten. Denn in Städten war die wirtschaftliche Produktivität und Innovationskraft viel größer als auf dem Land.

Bosker und Buringh haben für ihre Studie mit dem Titel "City Seeds: Geography and the Origins of the European City System" aus zahlreichen Quellen alle zentralen Informationen gesammelt, die potenziell den Aufstieg einer Stadt erklären: die geografischen Rahmenbedingungen wie die Lage an einem Fluss und die Fruchtbarkeit des Ackerlands ebenso wie von Menschen gemachte Rahmenbedingungen wie die Nähe zu anderen urbanen Zentren.

Die Forscher haben diese Daten nicht nur für die Städte zusammengetragen, die sich tatsächlich entwickelt haben, sondern auch für potenzielle Metropolen, die sich aber nicht dazu entwickelt haben. Als potenziellen Stadt-Standort betrachten die Forscher unter anderem die 456 Orte, die im Jahr 600 so wichtig waren, dass die katholische Kirche sie zu einem Bischofssitz machte. Nur 260 davon stiegen später zu einer Stadt mit mehr als 5000 Einwohnern auf.

Die Faktoren, die dazu führten, haben sich im Laufe der Jahrhunderte deutlich verschoben, stellten die Forscher fest. Im Mittelalter kam es vor allem auf die naturgegebenen geografischen Rahmenbedingungen an. Wichtig waren fruchtbares Ackerland im unmittelbaren Umland, so dass die Einwohner sich mit Nahrung versorgen konnten, und die Nähe zu einem schiffbaren Fluss. Damals waren Binnengewässer die mit Abstand billigsten Transportwege.

Straßen waren im Mittelalter noch keine Voraussetzung für wirtschaftliche Entwicklung: Orte, die an alten Römerstraßen lagen, entwickelten sich im Mittelalter sogar seltener zu Zentren. Negativ wirkte sich auch die Nähe zu einer bereits existierenden oder einer potenziellen Stadt aus, weil die verschiedenen Siedlungen dann in einem harten Wettbewerb um knappe Nahrungsmittel standen. Nachbarorte nahmen sich quasi gegenseitig die Luft zum Atmen .

Im Laufe der Jahrhunderte wendete sich das Blatt. Die Produktivität in der Landwirtschaft stieg, die Transportkosten sanken. Dadurch wurde die naturgegebene Lage immer weniger wichtig. Stattdessen bestimmte ein anderer Faktor im stärkeren Maße den Aufstieg neuer Städte: die Nähe zu bereits existierenden Metropolen.

Was im Mittelalter eine Bürde war, entwickelte sich später zu einem Erfolgsfaktor: Existierende Städte zogen neue mit und profitierten gleichzeitig von diesen. Geschäftsleute in benachbarten Orten hatten mehr potenzielle Kunden und konnten die Größenvorteile bei der Produktion ("economies of scale") besser nutzen. Das spricht dafür, dass die alte Römer-Stadt Köln nicht ganz unschuldig ist an dem Aufstieg, den Düsseldorf ab dem 16. Jahrhundert erlebte.

. " von M. Bosker und E. Buringh, CEPR Discussion Paper Nr. 8066 (Okt. 2010) Kostenloser Download der Studie: handelsblatt.com/link

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1 Kommentar zu "Wirtschaftsgeographie: Warum gibt es eigentlich Düsseldorf?"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • Am Ende des beitrags "Warum gibt es eigentlich Düsseldorf" steht der Hinweis auf den kostenlosen link zur Studie. Wenn ich diesen ansteure, werde ich jedoch darauf verwiesen, ich müsse Premium-Kunde sein.
    ist das kostenlos????

    Mit besten Grüßen
    bernd Holzrichter

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