Wirtschaftshistoriker bewerten Hitlers Wirtschaftspolitik neu
Kanonen statt Butter

Hitlers Wirtschaftspolitik galt lange als Musterbeispiel keynesianischer Politik – doch inzwischen zweifeln Wirtschaftshistoriker an dieser These. Neue Arbeiten weisen nach: Nicht die zivile Arbeitsbeschaffung, sondern die Aufrüstung stand von Anfang an im Mittelpunkt der NS-Politik. Die Beseitigung der Arbeitslosigkeit war nur ein Nebenprodukt der Kriegsvorbereitung.
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Der Radio-Reporter überschlug sich vor Begeisterung: „Der Führer – ach ist das schön – jetzt sieht er nach Süden, die wunderbare weiße, blanke Reichsautobahn herunter.“ Wir schreiben den 19. Mai 1935. Adolf Hitler eröffnet zwischen Frankfurt und Darmstadt die erste, gerade einmal 22 Kilometer lange Teilstrecke der neuen Reichsautobahn.

Bis heute wirkt die nationalsozialistische Propaganda, die den Bau der ersten Autobahnen begleitete, nach: Hartnäckig hält sich der Mythos, Hitler habe vor allem damit „die Arbeitslosen von der Straße geholt“. Auch den Wirtschaftshistorikern lässt die NS-Wirtschaftspolitik bis heute keine Ruhe. Jüngstes Beispiel dafür ist das monumentale Werk des britischen Wirtschaftshistorikers Adam Tooze, der unter dem Titel „Ökonomie der Zerstörung“ eine fast tausend Seiten starke Wirtschaftsgeschichte des Nationalsozialismus geschrieben hat.

Hauptgrund für das bis heute große Interesse der Wissenschaft an dem Thema ist die – vordergründig – gute ökonomische Bilanz der Jahre 1933 bis 1939. So war die Zahl der Arbeitslosen, die Anfang 1933 über sechs Millionen betragen hatte, schon drei Jahre nach der Machtergreifung niedriger als 1928, dem letzten Jahr vor Beginn der Wirtschaftskrise. Und 1937 waren im Jahresdurchschnitt weniger als eine Million Menschen ohne Job – es herrschte faktisch Vollbeschäftigung. Im Deutschland der dreißiger Jahre sprachen die Menschen von einem „Wirtschaftswunder“.

Heute herrscht unter Historikern Konsens: Der wirtschaftliche Boom der ersten sechs Hitler-Jahre ist ohne Krieg und Völkermord nicht denkbar. So zeichnet Tooze in seinem neuen Werk akribisch nach: Nicht die zivile Arbeitsbeschaffung, sondern die Aufrüstung stand von Anfang an im Mittelpunkt der NS-Politik. Die Beseitigung der Arbeitslosigkeit war nur ein Nebenprodukt der Kriegsvorbereitung.

Arbeit und Brot hatte Hitler den Deutschen in einer Rundfunkrede zwei Tage nach seinem Amtsantritt versprochen. Zu diesem Zeitpunkt lag die offizielle Arbeitslosenzahl bei über sechs Millionen, die Quote bei 30 Prozent. Das reale Bruttosozialprodukt war 1932 um 27 Prozent niedriger als 1928, die Investitionen waren um zwei Drittel gesunken. Die Industrieproduktion betrug weniger als 60 Prozent des Vorkrisenniveaus, die Auslastung der Bauwirtschaft sogar nur noch 14 Prozent.

Allerdings: Schon vor der Machtergreifung, ab Mitte 1932, verdichteten sich die Anzeichen, das der Abschwung die Talsohle erreicht hatte. Die Erwartungen der Unternehmern und Konsumenten, die für die Konjunktur-Entwicklung eine wichtige Rolle spielen, wurden von da an optimistischer, Anfang 1933 machte sich sogar Aufbruchstimmung breit. Zudem boten die extrem unterausgelasteten Produktionsfaktoren optimale Ansatzpunkte für eine antizyklische Wirtschaftspolitik. Hinzu kam, dass Deutschland damals eine fast geschlossene Volkswirtschaft war – der Staat kontrollierte den Außen- und der Devisenhandel streng. Sickerverluste für die Konjunkturpolitik waren also nicht zu befürchten.

Reichskanzler Heinrich Brüning hatte Anfang der dreißiger Jahre trotz Weltwirtschaftskrise einen ausgeglichenen Reichshaushalt angestrebt und durch diese prozyklische Politik die Situation noch verschlimmert. 1931 und 1932 wurden sogar Überschüsse erzielt. Erst Brünings Nachfolger Franz von Papen und Kurt von Schleicher griffen zum Mittel der staatlichen Konjunkturankurbelung – aber noch sehr zögerlich.

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