Wirtschaftsnobelpreisträger im Interview
Solow: „Wir haben aus 1929 gelernt“

Der Wirtschaftsnobelpreisträger Robert Solow empfiehlt den Regierungen zur Bekämpfung der weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise, kurzfristig ihre Ausgaben massiv auszuweiten. Im Handelsblatt-Interview kritisiert er das geplante Hilfspaket der EU massiv und sagt, was er sich vom neuen US-Präsidenten Barack Obama verspricht.
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Frage: Herr Solow, Sie haben in den vergangenen Wochen viel über die Finanzkrise diskutiert – auch mit anderen Nobelpreisträgern. Können Sie jetzt erklären, was genau passiert ist?

Solow: Nein. Ich glaube nicht, dass normales ökonomisches Denken bei der Erklärung dieser Krise helfen kann. Lassen Sie mich ein einfaches Beispiel geben: Wenn Sie in New York sitzen und den Aktienmarkt beobachten, geht am Montag der Markt um drei Prozent hoch, am Dienstag fällt er um vier Prozent, am Mittwoch steigt er wieder um fünf Prozent – und so weiter. Der Markt ist sehr volatil. Dafür gibt es keine ökonomische Begründung. Man kann nur hoffen, dass man die Auslöser versteht. So gibt es guten Grund zu glauben, dass es die finanziellen Probleme waren. Aber ab einem bestimmten Punkt gewinnt die pure Panik oder die Psychologie die Oberhand.

Im Februar dieses Jahres haben Sie den Vergleich mit der Krise 1929 als närrisch bezeichnet. Sind Sie immer noch davon überzeugt?

Ich denke das immer noch, weil das Ausmaß sehr unterschiedlich ist. Niemand glaubt, dass die Arbeitslosigkeit in den USA auf 30 Prozent steigen wird. Außerdem haben wir heute eine Einlagensicherung. Das gab es damals nicht. Wir reden heute über eine aktive Fiskalpolitik, die in die richtige Richtung geht, während in den frühen 30er-Jahren Steuern erhöht wurden. Das würde heute niemandem in seinen schlimmsten Träumen mehr einfallen. Wir haben aus der Krise damals gelernt.

Die EU hat ein Hilfspaket für die Wirtschaft von 200 Milliarden Euro beschlossen. In den USA sind weit höhere Summen im Gespräch. Reicht das, die Krise hinter uns zu lassen?

Das Bruttoinlandsprodukt der EU liegt bei mehr als 12 000 Milliarden Euro. Ich fürchte, 200 Milliarden Euro sind da wohl ein bisschen wenig. Dies ist eine Situation, in der die Gefahr, zu schwach zu reagieren, höher ist als die, zu stark zu reagieren. 200 Milliarden ist ein guter Start, aber es wird wahrscheinlich nicht das Ende sein.

Reagiert Europa vereint genug?

Es scheint mir, dass Europa in funktionierender Weise agiert. Aber es hat ein Problem, denn Fiskalpolitik ist immer noch eine nationale Frage. Die EU-Kommission kann etwas empfehlen. Aber sie hat keine Macht, wirklich an irgendwelchen substanziellen Schrauben zu drehen.

Verschiedene Länder denken über direkte Bargeld-Zahlungen an Bedürftige nach. Ist das eine gute Idee?

Das ist der richtige Weg. Eine der wichtigsten Maßnahmen in den USA ist der geplante Ausbau der Arbeitslosenversicherung. Denn diese Menschen werden ausgeben, was sie bekommen. Steuersenkungen für Arme sind sicherlich auch auf Dauer eine gute Idee. Aber ich bin auch hier ernsthaft besorgt über den Rückgang der öffentlichen Einnahmen.



Amüsiert es Sie, dass eine so marktfreundliche Regierung wie die von George W. Bush nun zu massiven Staatshilfen greift?



Um ehrlich zu sein: Die Bush-Regierung hat der Wirtschaft nicht viel Aufmerksamkeit gewidmet. Sie war viel zu sehr mit dem Krieg und ähnlichen Dingen beschäftigt und hat nicht ernsthaft über Wirtschaftspolitik nachgedacht. Es war schon überraschend, dass eine republikanische Regierung gleich am Anfang chronische Budgetdefizite ausweist – und das in einer Zeit noch großer Prosperität. Vize-Präsident Dick Cheney ist ja bekannt für den Satz: "Deficits don’t matter." Wenn er Defizite nicht für wichtig hält, dann hat Cheney nicht richtig nachgedacht.

War denn der Irak-Krieg ein Grund für die Krise?

Es gibt schon Zusammenhänge. Der Irak-Krieg hat einerseits den Ölpreis nach oben getrieben, was wiederum die Wirtschaft unter Druck gesetzt hat. Andererseits hat der Krieg die Aufmerksamkeit abgelenkt. Der Irak-Krieg war aber kein wesentlicher Faktor für die Krise. Er war jedoch kostspielig und hat Ressourcen verschlungen, die man für bessere Zwecke hätte nutzen können.

Was sollten die Regierungen tun, um die Krise zu bekämpfen?

Wir müssen zwischen kurzfristigen, mittel- und langfristigen Maßnahmen unterscheiden. Kurzfristig sollten die Staaten ihre Ausgaben massiv ausweiten, weil Europa und Amerika jetzt und in den kommenden Quartalen unter ihrem Produktionspotenzial operieren werden. Ob die Regierungen das direkt übernehmen oder sie den privaten Konsum ankurbeln, ist dabei zweitrangig.

Was würden Sie präferieren?

Ich würde jetzt lieber direkte Regierungsausgaben sehen, weil es sicherer, schneller und direkter ist. Außerdem haben sie in Europa auch noch die Möglichkeit, die Mehrwertsteuer vorübergehend zu senken. Das hätte einen zusätzlich positiven Effekt für den Konsum. Später könnten die Regierungen die Steuer ja wieder anheben. Das ist in den USA weitaus schwieriger. Jede Steuersenkung, die dort jetzt beschlossen wird, um die Rezession zu bekämpfen, wird voraussichtlich beibehalten. Denn allein das Reden über mögliche künftige Steuererhöhungen bedeutet im derzeitigen politischen Umfeld der USA den Tod. Das ist aber nicht das, was wir brauchen. Die Regierung muss schließlich Aufgaben finanzieren und braucht dafür Einnahmen.

Und was sind die weiteren Maßnahmen?

Ein wesentliches Ergebnis der Finanzkrise ist der reale Schaden für die Finanzierungskanäle, also die Kreditversorgung für Unternehmen und Verbraucher. Die Regierungen müssen weiter versuchen, diese verstopften Kanäle zu öffnen, indem sie die Banken rekapitalisieren oder indem sie deren Vermögenswerte aufkaufen. Und ich hoffe – auch wenn ich nicht weiß, wie relevant das in Europa ist –, dass die Regierungen den Menschen direkt helfen, denen der Verlust ihres Hauses droht, weil sie ihren Kredit nicht zurückzahlen können. Einige von diesen Krediten hätten zwar nie vergeben werden dürfen, und es ist eigentlich nicht die Aufgabe der Regierung, da auszuhelfen. Aber es gibt viele Menschen, die normalerweise ihre Kreditzahlungen leisten können, aber die das jetzt nicht können. Denen sollte direkt geholfen werden.

Sie sagen, Regierungen sollten den Banken helfen. Gilt das auch für Unternehmen wie General Motors?



Das muss von Fall zu Fall entschieden werden. Man muss immer vergleichen, was mehr Erfolg verspricht – ob man hilft oder nicht. Auf dieser Basis muss man entscheiden. Im Fall von General Motors und der amerikanischen Autoindustrie steht zu viel auf dem Spiel. Aber vielleicht findet Obama ja eine tragfähige Lösung.

Trauen Sie Obama die Bewältigung der Finanz- und Wirtschaftskrise zu?



Es wird einen enormen Wandel geben. Ich denke, dass seine Politik ermutigender sein wird und in die richtige Richtung geht.

Würden Sie einen Posten als Berater von Obama akzeptieren?

Obama braucht keinen 84-jährigen Berater. Er sollte nach jüngeren Ausschau halten. Er sollte nach meinen Studenten Ausschau halten – was er bereits getan hat.

Wenn die Krise vorbei sein wird, in ein paar Jahren oder wie lange es immer auch dauert: Werden die Amerikaner zum Business as usual zurückkehren – oder wird es einen grundsätzlichen Wandel des Wirtschaftssystems geben?

Die Obama-Regierung wird in den kommenden vier oder voraussichtlich acht Jahren einen echten Wandel herbeiführen – sowohl in der Wirtschafts- als auch in der Außenpolitik. Ich glaube aber nicht, dass sich die Natur des amerikanischen Kapitalismus dramatisch verändern wird. Aber es wird sich an seinen Rändern was bewegen, und er wird besser reguliert sein.

Und die Banken? Werden sie ihre starke Rolle verlieren, die sie in der Vergangenheit hatten?



Die Geschäftsbanken werden sehr gut und gestärkt aus dieser Krise herauskommen. Aber das Schattenbankensystem, die Investmentbanken, die sind in einer schwierigen Position. Ich weiß nicht, wie die aus der Krise hervorgehen.

Brauchen die Banken mehr Reguierung?



Ja. Aber wir müssen Wege finden, dass die neuen Regeln nicht Innovationen der Finanzwelt blockieren. Vielleicht könnte man bestimmte Formen der Aktiva einschränken, die die Geschäftsbanken besitzen dürfen. Oder wir müssen die Basel-II-Regeln verschärfen. Oder wir müssen darüber nachdenken, welche Art von Absicherungen wir akzeptieren. Aber ich bin kein Bankenexperte.

Katharina Kort
Katharina Kort
Handelsblatt / Korrespondentin

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