Wirtschaftspolitik
Der große Keynes-Check

John Maynard Keynes feiert sein Comeback. In der Krise interveniert die Politik so stark in die Konjunktur wie schon lange nicht mehr. Aber wie viel Keynes steckt wirklich im Konjunkturpaket II? Das Handelsblatt hat führende deutsche Keynsianer befragt. Und deren Antwort ist erstaunlich eindeutig
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FRANKFURT. Totgesagte leben länger. Die Finanzkrise hat diese These auf bemerkenswerte Weise bestätigt. John Maynard Keynes - in Deutschland hatten der Ökonom und seine Lehre seit Jahrzehnten keine Konjunktur mehr. Doch seit klar ist, wie stark die hiesige Wirtschaft von der globalen Krise infiziert ist, stehen seine Ideen wieder im Fokus. Selbst die seit drei Jahrzehnten streng angebotsorientierten Wirtschaftsweisen haben eine Wende um 180 Grad hingelegt und der Regierung ein über Schulden finanziertes Konjunkturpaket dringend empfohlen.

Keynes ist also wieder da. Wie viel Gedankengut von ihm aber steckt in den Konjunkturpaketen der Bundesregierung - und wie nachfragewirksam sind sie? Das Handelsblatt hat bekannte Ökonomen dieser Denkschule gebeten, die aktuelle Politik, von der sich die Bundesregierung erhofft, ein Wachstum bis zu einem drei viertel Prozentpunkt des Bruttoinlandsprodukts (BIP) zu erzielen, einem Keynes-Check zu unterziehen.

Das Fazit fällt deutlich aus: "Die Entscheidung der Bundesregierung, Konjunkturprogramme aufzulegen, hätte Keynes freilich begrüßt - die Inhalte hätte er allerdings bestenfalls teilweise unterschrieben", sagt Gustav Horn, wissenschaftlicher Direktor des gewerkschaftsnahen Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) und Vorstand der 2003 gegründeten Keynes-Gesellschaft.

Keynes lasse sich mit Antibiotika vergleichen, sagt der Wirtschaftsweise Peter Bofinger. Die Therapie müsse angewendet werden, wenn die Selbstheilungskräfte zerstört seien und dabei die richtige Diagnose, die richtige Dosis und der richtige Zeitpunkt beachtet werden: "Vor allem das Timing der Bundesregierung ist falsch." Dass die Inhalte der Konjunkturprogramme überwiegend ab dem zweiten Halbjahr 2009 oder erst 2010 umgesetzt werden, ist für ihn zu spät. Und Heiner Flassbeck, Chef-Makroökonom der Handels- und Entwicklungskonferenz der Vereinten Nationen in Genf, meint: "Der Ernst der Lage erfordert es, viel zu tun und schnell zu handeln und vor allem dort, wo man sicher sein kann, dass das Geld ausgegeben wird." Sein Urteil: "Das war beim ersten Konjunkturpaket gar nicht, beim zweiten zur Hälfte oder einem Drittel der Fall."

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