Wirtschaftswissenschaft
Der Übervater - Herbert Giersch, Grand Seigneur der deutschen Ökonomie, wird 85

Die wissenschaftliche Karriere des Herbert Giersch beginnt im Alter von neun Jahren. 1930, als die große Depression mit voller Härte die im schlesischen Reichenbach lebende Landwirtsfamilie trifft. „Das Familieneinkommen schrumpfte auf einen Bruchteil dessen, was wir vorher zur Verfügung hatten“, erinnert er sich. „Ich habe damals sehr genau die Zeitung gelesen und eines nicht verstanden: Warum gab es niemanden, der was von Wirtschaft verstand, der etwas tun konnte gegen die Krise?“ Giersch beschließt, Volkswirt zu werden.

Die wissenschaftliche Karriere des Herbert Giersch beginnt im Alter von neun Jahren. 1930, als die große Depression mit voller Härte die im schlesischen Reichenbach lebende Landwirtsfamilie trifft. „Das Familieneinkommen schrumpfte auf einen Bruchteil dessen, was wir vorher zur Verfügung hatten“, erinnert er sich. „Ich habe damals sehr genau die Zeitung gelesen und eines nicht verstanden: Warum gab es niemanden, der was von Wirtschaft verstand, der etwas tun konnte gegen die Krise?“ Giersch beschließt, Volkswirt zu werden.

Das ist eine weit reichende Entscheidung, für ihn persönlich und für die ökonomische Wissenschaft. Denn Giersch entwickelt sich zum einflussreichsten und angesehensten deutschsprachigen Volkswirt seiner Generation. Kein anderer Wissenschaftler dominierte die ökonomische Debatte in der Bundesrepublik so kontinuierlich und nachhaltig, keiner war so früh so gut international vernetzt wie der am 11. Mai 1921 geborene Schlesier, der am kommenden Donnerstag 85 Jahre alt wird.

Feiern wird der Grandseigneur der deutschen Volkswirtschaftslehre dort, wo er den Großteil seiner wissenschaftlichen Karriere verbrachte: am Kieler Institut für Weltwirtschaft, das ihm zu Ehren ein Symposium veranstaltet, an dem auch Jagdish Bhagwati von der Columbia University und Anne Krueger vom Internationalen Währungsfonds teilnehmen.

Schon in den vierziger Jahren verschlägt es Giersch das erste Mal an die Förde, an die er über zwei Jahrzehnte später als Leiter des Kieler Instituts für Weltwirtschaft zurückkehren sollte. Nach vier Semestern Volkswirtschaftsstudium in Breslau wird er nach Kiel zur Kriegsmarine einberufen. Giersch arbeitet als Funker, muss den Kontakt zu den Flakbatterien an der Küste sicherstellen. „Wir waren im Turmzimmer des Instituts für Weltwirtschaft untergebracht“, erzählt er. Durch diesen Zufall kann er als Soldat Vorlesungen besuchen. Mitten im Krieg, 1942, legt er sein Examen ab – in seiner Diplomarbeit beschäftigt er sich mit der Kaufkraftparitätentheorie. Sein Glück bleibt ihm hold: In britischer Gefangenschaft hat er Zugang zu einer Bibliothek und kann gemeinsam mit einem Mitgefangenen, dem Ökonomen Herbert Timm, die Werke von Smith und Keynes durcharbeiten; 1948 verbringt er ein Jahr an der London School of Economics. „Ich habe so viel Glück gehabt, dass ich fast an meinem eigenen Agnostizismus zweifeln müsste“, resümiert Giersch.

Zwanzig Jahre lang, von 1969 bis 1989, hat er die ökonomische Denkfabrik geleitet. Unter seiner Führung stieg sie nicht nur zur ersten Adresse für wirtschaftswissenschaftliche Forschung in der Bundesrepublik auf, sondern auch zum damals einzigen deutschen Wirtschaftsforschungsinstitut von internationalem Gewicht. Inhaltlich hat er das Kieler Institut zu einer Hochburg einer strikt marktwirtschaftlich ausgerichteten Wirtschaftspolitik gemacht – zu einem konsequenten Anwalt für offene Märkte, flexible Preise und möglichst wenig staatliche Intervention.

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