Wirtschaftswissenschaft
Systematisch verkannte Genies

Wie gut funktioniert die Qualitätssicherung in der Wirtschaftswissenschaft? Kritiker werfen den Fachzeitschriften bei der Auswahl ihrer Beiträge Willkür vor. Ein Blick auf die Geschichte zeigt, dass viele heute berühmte Arbeiten nur unter Widrigkeiten das Licht der Öffentlichkeit erblickt haben.
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DÜSSELDORF. Um ein Haar hätte der Ökonomie-Nobelpreisträger George Akerlof die höchste Auszeichnung seines Faches nie bekommen können. Weil er lange Jahre niemanden fand, der seine heute weltberühmte Arbeit „A Market for Lemons“ veröffentlichen wollte. In einem theoretischen Modell hatte Akerlof gezeigt: Wenn Käufer und Verkäufer nicht gleich gut über die Qualität eines Produkts informiert sind, kann ein Markt zusammenbrechen. Drei ökonomische Fachzeitschriften hatten die Studie Ende der 60er-Jahre rüde abgelehnt. Solch trivialen Stoff drucke man nicht, so die einhellige Antwort.

„Ich war verzweifelt“, erinnerte sich Akerlof später. Erst im vierten Versuch klappte es: 1970 erschien die Studie im „Quarterly Journal of Economics“ (QJE). 31 Jahre später erhielt er dafür den Ökonomie-Nobelpreis. Auch heute ist diese Studie eine der meistzitierten und am meisten im Internet heruntergeladenen ökonomischen Forschungsarbeiten.

Akerlofs Artikel ist bei weitem nicht das einzige lange verkannte Meisterwerk der Volkswirtschaftslehre (VWL). Dutzende heute berühmter Arbeiten wären beinah niemals ans Licht gekommen, zeigt eine Studie der Forscher Joshua Gans und George Shepherd. Unter den Autoren solcher Studien sind die Nobelpreisträger Milton Friedman und Gary Becker. Auch Paul Krugman blieb nicht verschont: Seine erste große Arbeit zur Handelstheorie wurde 1978 vom selben „QJE“ verschmäht, das sich acht Jahre vorher noch Akerlofs Arbeit erbarmt hatte.

All diese Beispiele werfen die Frage auf, wie gut der Mechanismus zur Qualitätssicherung in der Wirtschaftswissenschaft funktioniert – zumal die Fachzeitschriften immer wieder Arbeiten veröffentlichen, die haarsträubende Fehler oder nicht replizierbare Ergebnisse enthalten. Zudem erscheinen selbst in den besten Journalen viele Arbeiten, die später so gut wie nie zitiert werden.

Die Debatte hat große Sprengkraft. Denn die Frage, wo ein Aufsatz veröffentlicht wurde, ist für die Reputation seines Autors mindestens genauso wichtig wie sein Inhalt. Publikationen in internationalen Fachzeitschriften sind Voraussetzung für eine akademische Karriere. Forschungsergebnisse, die es dort nicht schaffen, existieren für die Fachwelt quasi nicht. Auch die Forscherrankings des Handelsblatts orientieren sich an den Publikationsstandards.

Das Verfahren, nach dem die Fachzeitschriften ihre Beiträge aussuchen, ist fast überall gleich. Ein Herausgeber-Gremium, das meist aus VWL-Professoren besteht, trifft eine Vorauswahl der eingereichten Beiträge. Was sie nicht sofort ablehnen, schicken die Herausgeber an zwei Gutachter – in der Regel andere Wissenschaftler mit Expertise im jeweiligen Fachgebiet.

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