Wirtschaftswissenschaft
Wachstum - Segen oder Verderben?

Eine Million australische Dollar - so viel verspricht ein Unternehmer aus Down Under demjenigen Ökonomen, der der Menschheit glaubhaft macht, dass Wirtschaftswachstum kein Allheilmittel für die Probleme der Welt ist. Doch die Theorie leidet unter einem Schönheitsfehler.
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DÜSSELDORF. Den Koffer voller Geld hat er zur Pressekonferenz gleich mitgebracht. Dick Smith will keine Zweifel aufkommen lassen, dass es ihm ernst ist: Eine Million australische Dollar (731000 Euro) verspricht der Unternehmer aus Down Under demjenigen, der die Ökonomen dieser Welt davon überzeugt, dass endloses Wirtschaftswachstum den Planeten ins Verderben stürzt.

Ende 2011 will Smith den Gewinner bekanntgeben. Leicht wird ihm die Entscheidung nicht fallen, denn immer mehr Volkswirte stellen das Paradigma des grenzenlosen Wirtschaftswachstums infrage.

Fast vier Jahrzehnte, nachdem der "Club of Rome" im Jahr 1972 sein Manifest "The Limits to Growth" veröffentlicht hat, erlebt die Wachstumskritik in der Wirtschaftswissenschaft eine Renaissance. Finanzkrise, Rohstoffknappheit und Klimawandel lassen immer mehr Forscher daran zweifeln, ob unsere Art des Wirtschaftens auf Dauer zukunftsfähig ist.

So trafen sich mehr als 400 meist junge Forscher im vergangenen Jahr in Barcelona zur zweiten sogenannten Degrowth-Konferenz. Die Zahl der Blogs, Bücher und Fachaufsätze explodiert derzeit. Und mehrere Regierungen haben Kommissionen eingesetzt, die klären sollen, ob gesellschaftlicher Wohlstand auch ohne Wachstum möglich ist.

"Am stärksten sind wir in Frankreich, Italien und Spanien", sagt Giorgos Kallis, Professor an der Autonomen Universität Barcelona, der weltweit renommiertesten Adresse für die sogenannte Post-Wachstums-Ökonomie. In Deutschland und den USA steckt die Disziplin dagegen noch in den Kinderschuhen.

Was die Wachstumskritiker eint, ist die Überzeugung, dass es so wie bisher nicht weitergehen kann - die größten Herausforderungen der Menschheit ließen sich nicht durch wirtschaftliches Wachstum lösen: der Klimawandel, die Massenarbeitslosigkeit und die explodierende Staatsverschuldung.

Wachstum werde zu Unrecht als Allheilmittel für alle ökonomischen Krankheiten angesehen, kritisiert Herman Daly, früherer Weltbankmanager von der University of Maryland, Vordenker der Bewegung. In den Entwicklungsländern ist Wachstum auch nach Ansicht der Kritiker nötig, um die Armut zu bekämpfen und den Lebensstandard der Menschen zu verbessern - aber in hochentwickelten Ländern erhöhe weiteres Wachstum den gesellschaftlichen Wohlstand nicht. Daher fordern sie neue Wohlstandsindikatoren, die Ungleichheit, Bildungschancen und den Zustand des Gesundheitssystems berücksichtigen.

Vor allem befürchten die Forscher, dass weiteres Wachstum nur auf Kosten der Umwelt möglich ist. Als Beleg dafür ziehen sie die Erfahrungen der vergangenen Jahrzehnte heran. Die überproportional stark steigende Produktion machte alle Bemühungen, mit weniger Energie und Ressourcen zu produzieren, zunichte. Autos schaffen zwar heute mit einem Liter Benzin 50 Prozent mehr Kilometer als 1970, ihre Zahl aber hat sich glatt verdoppelt. Zudem werden pro Auto und Jahr 20 Prozent mehr Kilometer gefahren.

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  • Das Problem ist richtig erkannt, aber wie im Artikel richtig herausgestellt wurde, sind die Analysen der prominenten Wachstumskritiker zwar gut. Aber ihre Lösungsideen tagen bisher nicht allzu viel. Staatsgläubigkeit ist ein jämmerliches Resultat und „mehr Staat“ kann definitiv nicht die Lösung der Probleme sein.

    Die Schwäche der neoklassischen Wirtschafts- wie auch der neoklassischen Wachstumstheorie ist in der Erklärung der grundsätzlichen Funktionsweise von Markt- und Wettbewerbsprozessen zu sehen. Der von innovationen getragene und unendlich ablaufende Wettbewerbsprozess hebt in der Vorstellung der neoklassischen Theorie die Kreislaufwirtschaft lediglich immer wieder auf ein noch höheres Niveau. Das Gleichgewicht bleibt dabei erhalten.

    Doch das beschreibt die Realität nicht zutreffend und führt zum Glauben an ewiges Wachstum.

    Schumpeter hat ja schon 1912 mit seiner „Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung“ praktisch den Gegenentwurf zur Wachstumstheorie vorweggenommen. Danach verläuft die wirtschaftliche Entwicklung, getrieben von innovativen Unternehmern, ungleichgewichtig.

    Überträgt man seinen Gedanken in das Konzept der dynamischen Marktentwicklung, dann reifen Märkte und erreichen irgendwann eine Wachstumsgrenze. Stellt man sich den von innovationen getriebenen Wettbewerb nicht als selbstlaufend vor, dann bedeutet das, dass sein beitrag zur Entwicklung von Märkten im Zuge der Marktentwicklung tendenziell sukzessive immer weiter abnimmt. Das heißt, die innovationen, die den Wettbewerbsprozess antreiben, bewirken im Zuge des Reifungsprozesses von Märkten immer weniger weitreichende Veränderungen im Hinblick auf die Entwicklung. So ist auf jungen Märkten typischerweise das innovationsgeschehen viel dynamischer und durch unterschiedliche technologische Lösungen, basisinnovationen und technologische Sprünge gekennzeichnet, die eine hohe Dynamik auf dem Markt bewirken. Auf reifen Märkten ist die innovationsdynamik nicht unbedingt geringer, aber die getätigten innovationen –oft nur noch Verbesserungsinnovationen – bewirken keine weitrechenden Veränderungen mehr in den Marktgegebenheiten. Der Wettbewerb schläft im Zuge des üblicherweise fortschreitenden Unternehmenskonzentrationsprozesses ein. Es kommt zu Verkrustungen des Marktes und zu Stagnation, weil innovationen, die signifikanten Veränderungen bewirken könnten, nicht mehr getätigt werden.

    Wenn man sich die aktuelle Situation auf den Märkten anschaut, dann beschreibt das zuletzt Erklärte die Lage recht gut. Wichtig ist dabei, dass der Wettbewerb auf verkrusteten Märkten nicht mehr von sich aus eine starke innovative Dynamik mit entsprechenden starken impulsen für die Entwicklung von Märkten entfalten kann. Das hat marktstrukturelle Gründe, die aktuell leider fälschlicherweise allenfalls als das „Too big To Fail“-Problem gesehen werden. Tatsächlich sind die Konsequenzen solcher Märkte, die durch Reife in Kombination mit der Dominanz weniger, sehr großer Unternehmen gekennzeichnet sind, für die innovative Dynamik des Wettbewerbs viel gravierender.

    Und genau das vermag die neoklassische Wachstumstheorie vor dem Hintergrund des neoklassischen Wettbewerbsverständnisses nicht zu erklären. Wachstum ist nicht Entwicklung und das Wettbewerbsverständnis ist falsch – das habe ich zufällig gerade erst wieder in einem Aufsatz näher erklärt (siehe dazu: http://stefanleichnersblog.blogspot.com/2011/02/wettbewerbsleitbilder-der.html). Das ist der Grund, warum die daraus abgeleitete Wachstumsideologie und Wachstumspolitik nicht das erreicht, was die neoklassische Theorie verspricht und warum es in der Wirtschaftspolitik einer Neuorientierung bedarf.

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