Wirtschaftswissenschaften
Ankunft in der Wirklichkeit

Wissenschaftler nehmen Abschied vom Homo oeconomicus. Die Ökonomen müssen ihre Theorien von egozentrischen Menschen als Wirtschaftssubjekt ändern – weil sie feststellen: Der Mensch ist ein soziales Wesen.

DÜSSELDORF. Besonders sympathisch war Axel Ockenfels das traditionelle Menschenbild der Wirtschaftswissenschaften noch nie: „Ich wäre nicht begeistert, wenn meine Tochter später mit einem reinen Homo oeconomicus verheiratet wäre“, gesteht der Kölner Ökonomieprofessor. Allerdings: Dass sein Kind tatsächlich an einen gänzlich rationalen, egoistischen Lebenspartner gerät, der nur den eigenen Nutzen maximiert, ist ziemlich unwahrscheinlich. Denn Wirtschaftswissenschaftler wie Ockenfels haben in den letzten Jahren nachgewiesen: Das egozentrische Verhalten, das Ökonomen in Modellen für „Wirtschaftssubjekte“ – damit meinen sie Menschen – gemeinhin unterstellen, gilt in der Realität in aller Regel nicht.

In zahllosen Laborexperimenten und in Feldstudien (siehe auch: „Warum sich Bankkunden alles andere als rational verhalten“) haben Ökonomen gezeigt: Der Mensch ist ein weit sozialeres und weniger rationales Wesen, als die Wirtschaftswissenschaft traditionell annimmt. Uns liegt auch an Fairness, wir haben einen Hang zu Kooperation und suchen nicht stets den Vorteil auf Kosten anderer. Allerdings belegen die Forschungsergebnisse auch: Strenger Altruismus ist den meisten Menschen genauso fremd wie extremer Egoismus. Insgesamt orientieren sich die Menschen offenbar stärker daran, wie ihre eigene Situation sich im Vergleich zu der anderer entwickelt, als an ihrer eigenen absoluten Position. Wie sich die Menschen verhalten, hängt zudem stark vom institutionellen Rahmen ab, in dem sie sich bewegen.

„Die meisten Menschen verhalten sich reziprok“, erläutert Armin Falk, Direktor des Laboratoriums für Experimentelle Wirtschaftsforschung der Uni Bonn. „Sie belohnen faires Verhalten und bestrafen unfaires, selbst wenn dies für sie mit Kosten verbunden ist.“ Die Uni Bonn war Vorreiter dieser Forschungsrichtung – Falks Experimentallabor ist das älteste in Europa und feiert am diesem Freitag sein 20-jähriges Bestehen.

Lange Zeit hat nur ein Fachzirkel von Spieltheoretikern und experimentellen Wirtschaftsforschern die Forschungsergebnisse diskutiert. Mit einigen Jahren Zeitverzögerung diffundieren diese jetzt aber in immer mehr Teilbereiche der Wirtschaftswissenschaft. Bei Finanzmarktforschern, Arbeitsmarktexperten und Personalökonomen setzt sich die Erkenntnis durch: Die traditionelle Ökonomie hat es sich mit ihren Annahmen über Motivation und Verhalten des Menschen zu leicht gemacht. Das Interesse an dem Thema ist so groß, dass die American Economic Association den Schweizer Professor Ernst Fehr, einen der Pioniere auf dem Forschungsgebiet, im Januar auf ihrer Jahrestagung zu einer „Special Invited Lecture“ einlud – eine Ehre, die Europäern nur selten zuteil wird.

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