Wirtschaftswissenschaften
Großbaustelle Universität

An der altehrwürdigen Johann Wolfgang Goethe Universität in Frankfurt am Main herrschen amerikanische Verhältnisse. Zumindest bei der Berufung von Professoren im Fach Wirtschaftswissenschaft. „Wer nicht mindestens zwei Artikel in einer der besten Fachzeitschriften der Welt publiziert hat, den gucken wir uns gar nicht weiter an“, sagt der Frankfurter Makroökonom Dirk Krüger. Der 35-jährige, der in den USA promovierte, ist selbst regelmäßig in den Top-Journalen präsent ist. An US-Universitäten sind solch strenge Maßstäbe eine Selbstverständlichkeit – in Deutschland dagegen eine mittlere Revolution. Wichtiger als die wissenschaftliche Leistung war hierzulande lange die Patronage des wissenschaftlichen Lehrmeisters.

Diese Zeiten sind an den besseren Unis vorbei: Die wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten Deutschlands sind im Umbruch. Um Anschluss an die internationale Spitzenforschung zu finden, haben sich viele Universitäten einen radikalen Modernisierungskurs verordnet. Wie weit die einzelnen Universitäten dabei gekommen sind, untersucht das Handelsblatt ab diesem Montag in einer neuen Serie mit dem Titel „Fakultäten im Fokus“.

„An den deutschen Universitäten ist in den letzten Jahren einiges in Bewegung geraten“, sagt Thomas Straubhaar, Professor in Hamburg und Präsident des Wirtschaftsforschungsinstituts HWWI. Noch steht das Oligopol der vier Top-Adressen Bonn, Mannheim, München und die HU Berlin – aber mehrere Herausforderer holen kräftig auf. Nachwuchswissenschaftler können sich darüber freuen. „Durch den Umbruch der deutschen Hochschullandschaft bieten sich an vielen Universitäten für junge Wissenschaftler große Chancen“, sagt Beatrice Weder di Mauro, Ökonomie-Professoren in Mainz und Mitglied des Sachverständigenrates.

Möglich wird die Modernisierung, weil sich derzeit die Professorengeneration, die im Zuge des massiven Hochschulausbaus in den siebziger Jahren berufen wurde, zunehmend in den Ruhestand verabschiedet. Der Großteil der heute in Pension gehenden Hochschullehrer war geprägt durch das klassische deutsche Ordinarienwesen mit all seinem professoralen Dünkel und seinen steilen Hierarchien. Der Archetyp des Professors jener Jahre duldete wenig Kritik, arbeitete als Einzelkämpfer und orientierte sich auf den nationalen Wissenschaftsmarkt. Quantitative Methoden und die empirische Überprüfung der Thesen hatten für ihn keinen hohen Stellenwert.

Langsam aber sicher brechen diese verkrusteten Strukturen auf. Sichtbarstes Zeichen dafür ist der Umbruch der Doktorandenausbildung. Immer mehr Universitäten haben in den vergangenen Jahren Graduiertenprogramme nach angelsächsischem Vorbild aus der Taufe gehoben. Denn die klassische Promotion an einem Lehrstuhl ist längst ein Karriererisiko: „Wer heute noch allein an einem Lehrstuhl promoviert, wird keine Spitzenjobs in der Forschung bekommen“, sagt Ernst-Ludwig von Thadden, Ökonomie-Professor in Mannheim. Statt vier oder fünf Jahre allein im stillen Kämmerlein an einer mehrere hundert Seiten dicken Doktorarbeit zu schreiben, bereiten die straff organisierten „Graduate Schools“ im Team und systematisch auf das akademische Arbeiten vor: Ein bis zwei Jahre lang müssen sich die Teilnehmer durch ein dicht gedrängtes Veranstaltungsprogramm ackern. Erst danach beginnen sie mit der eigentlichen Promotion – die besteht oft nicht mehr aus einem dicken Buch, sondern aus drei englischsprachigen Aufsätze in internationalen Fachzeitschriften. Vorreiter bei der Professionalisierung der Doktorandenausbildung war die Uni Bonn, die schon 1977 damit angefangen hat. Doch die Liste der Nachahmer ist in den letzten Jahren immer länger geworden – München, Frankfurt, Mannheim, die HU Berlin und auch drei Ruhruniversitäten zusammen mit dem Forschungsinstitut RWI setzen auf das Konzept.

In Einzelfällen ist es sogar möglich, dass sich Spitzenforscher über längere Zeit ganz aus dem Lehrbetrieb zurück ziehen: In Köln zum Beispiel konnte sich der 36-jährige Star-Ökonom Axel Ockenfels, der immer wieder Angebote von US-Eliteuniversitäten erhält, von den Lehrverpflichtungen freikaufen. Und ein Teil seines Gehalts richtet sich danach, wie viele Aufsätze er in den besten Fachzeitschriften unterbringt. In München holt das vom heutigen Ifo-Chef Hans-Werner Sinn 1991 gegründete „Center for Economic Studies“ ausländische Wissenschaftler als Gastdozenten an die Uni. Die Frankfurter Uni hat sich der althergebrachten Lehrstuhl-Struktur verabschiedet und „Departments“ nach angelsächsischem Vorbild gegründet. Am Main schreckt ,man nicht einmal mehr vor der Berufung von Professoren zurück, die kein Deutsch sprechen – noch vor wenigen Jahren wäre das undenkbar gewesen.

Allerdings: Trotz aller Fortschritte es gibt manche Dinge, die lassen sich auch mit viel gutem Willen und internationalem Top-Personal nicht ändern. Daher bedeutet die Rückkehr an eine deutsche Universität für die meisten Heimkehrer eine massive Umstellung. „Für mich war das am Anfang wirklich ein Kulturschock“, sagt Harald Uhlig, Makroökonom in Berlin, der vorher in den USA und Schweden geforscht hatte. Die Klagen sind immer die gleichen: Die unflexible Hochschulbürokratie, das starre Dienstrecht und die im internationalen Vergleich hohen und wenig differenzierten Lehrverpflichtungen. „Britische und vor allem amerikanische Hochschulen bieten Forschern nach wie vor ein besseres Umfeld“, betont Uhlig. Ein Angebot, an die renommierte London School of Economics zu wechseln, hat er dennoch abgelehnt. „Hauptsächlich, weil ich so gerne in Berlin lebe.“

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