Wirtschaftswissenschaften
Neue Ökonomen braucht das Land

Den ökonomischen Think Tanks in Deutschland steht ein Generationswechsel ins Haus. Mit der Berufung des renommierten Oxford-Professors Clemens Fuest konnte das ZEW in Mannheim einen ersten Coup landen.
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Frankfurt/LondonAuf die gediegenen „high table dinners“ in jahrhundertealten, klosterähnlichen Gemäuern wird Clemens Fuest demnächst verzichten müssen. Bei Kaminfeuer und Kerzenschein treffen sich in Oxford regelmäßig die Professoren zum Abendessen – oft noch im Talar und quer über alle Fachgrenzen hinweg. Der Philosoph speist neben dem Literaturwissenschaftler und dem Ökonomen. Eine Tradition, die bis ins Mittelalter zurückgeht.

Noch ein Jahr lang kann der deutsche Finanzwissenschaftler das englische College-Leben genießen – dann kehrt der Professor aus Oxford nach Deutschland zurück. Im März 2013 wird Fuest, 43, neuer Präsident des Mannheimer Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) – einer der führenden ökonomischen Denkfabriken der Republik. Er wird Nachfolger des Wirtschaftsweisen Wolfgang Franz, 68, der nach dann fast 16 Jahren an der Spitze des ZEW in den Ruhestand geht.

Mit der Personalie Fuest geht der Umbruch der Wirtschaftsforschungsinstitute in die nächste Runde. Großbaustellen gibt es derzeit noch an zwei weiteren Häusern: Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin sucht einen neuen Chef, und das Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) kämpft ums Überleben. Das Münchener Ifo-Institut dagegen hat den Generationswechsel verschoben. Es ist zwar noch nicht offiziell, aber die Weichen sind gestellt: Hans-Werner Sinn wird seinen Vertrag um drei Jahre verlängern. Statt 2013 endet seine Amtszeit als Ifo-Chef dann am 31. März 2016, kurz nach Sinns 68. Geburtstag.

Im harten Wettbewerb um die wenigen Professoren, die als Institutschef infrage kommen, hat das ZEW einen echten Coup gelandet. Das Institut holt sich einen der international profiliertesten und forschungsstärksten Ökonomen. Fuest, laut Handelsblatt-Ranking unter den hundert forschungsstärksten deutschsprachigen Volkswirten, verkörpert eine neue Forschergeneration: Eine, die pragmatisch und unideologisch arbeitet, größten Wert auf die saubere Analyse von Daten legt und ihre Ergebnisse in den besten Fachzeitschriften der Welt veröffentlicht. Die Uni Oxford hatte den Experten für Steuern und Staatsfinanzen daher 2008 mit äußerst lukrativen Konditionen aus Köln abgeworben. „Man hat mir ein Angebot gemacht, das ich nicht ablehnen konnte“, hatte er damals dem Handelsblatt gesagt.

Dass Fuest jetzt dennoch in seine Heimat zurückkehrt, zeigt auch, welch große Fortschritte Teile der deutschen Volkswirtschaftslehre in den vergangenen Jahren gemacht haben. Etliche Hochschulen und Institute sind heute attraktive Arbeitgeber für international erfolgreiche Forscher. Auch die private Berliner Business School ESMT hat einen hochkarätigen Forscher aus dem Ausland verpflichtet. Der Stanford-Professor Stefan Reichelstein wird im Juni neuer Leiter der Privatuni (mehr dazu hier). Frei geworden ist der Chefposten, weil Bundeskanzlerin Merkel den bisherigen ESMT-Chef, Lars-Hendrik Röller, als Berater ins Kanzleramt holte.

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