Wirtschaftswissenschaften

Wissenslücken bei VWL- und BWL-Studenten

Angehenden Wirtschaftswissenschaftlern fehlt es an elementaren Kenntnissen über aktuelle wirtschaftliche Vorgänge. Zu diesem Urteil kommt die Studie eines Frankfurter Forscherteams. Bei den rund 2 100 befragten Studenten führender wirtschaftswissenschaftlicher Fakultäten wurden auch geschlechterspezifische Unterschiede offenbar.
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Wer ist Alan Greenspan? Jeder zweite Ökonomie-Student konnte mit diesem Namen nichts anfangen. Quelle: Reuters

Wer ist Alan Greenspan? Jeder zweite Ökonomie-Student konnte mit diesem Namen nichts anfangen.

(Foto: Reuters)

LONDON. Jeder zweite Student der Betriebs- und Volkswirtschaftslehre weiß nicht, wer Alan Greenspan ist. Und sogar 71 Prozent der angehenden Akademiker können nichts mit dem Namen Martin Blessing anfangen - obwohl der Commerzbank-Chef seit Monaten regelmäßig in den Schlagzeilen ist. Auch VW-Chef Martin Winterkorn und der amerikanische Finanzminister Timothy Geithner sind jedem zweiten Studenten unbekannt.

Diese Wissenslücken hat eine groß angelegte Umfrage unter Studierenden offengelegt, die dem Handelsblatt vorliegt. Ein Forscherteam um den Frankfurter BWL-Professor Guido Friebel hat im Mai 2009 fast 2 100 Studenten an sieben Hochschulen befragt - darunter waren die Unis Mannheim, Frankfurt, München und Köln, die zu den führenden wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten gehören. Ein Großteil der Befragten befand sich im ersten oder zweiten Fachsemester.

"Eine mögliche Erklärung für diese Ergebnisse ist, dass Studierende der Wirtschaftswissenschaft nicht ausreichend Zeitung lesen oder sich generell nicht regelmäßig über Medien über das Wirtschaftsgeschehen informieren", so das Fazit der Forscher.

Studenten wollen später viel verdienen - und wenig arbeiten

Auch das deutsche Finanzsystem kennen die angehenden Wirtschaftswissenschaftler kaum. Viele der Befragten wissen nicht, dass sich die deutsche Bankenlandschaft in die drei Säulen Privatbanken, öffentlich-rechtliche Institute und Genossenschaftsbanken gliedert. Und nur jeder dritte Studierende kann einzelne Banken den unterschiedlichen Segmenten zuordnen.

Etwas besser steht es um das Wissen der Studenten über die Finanzkrise: 78 Prozent gaben an, dass das Platzen der Spekulationsblase auf dem US-Immobilienmarkt eine Ursache für die Probleme ist. Dass aber auch Probleme bei der Verbriefung von Immobilienkrediten zu den Ursachen der Krise gehören, wissen dagegen nur 29 Prozent. Fünf Prozent halten irrtümlich zu hohe Zinsen für einen Auslöser der Krise.

Die Umfrage legt zudem ein deutliches Geschlechtergefälle offen: Männer wissen deutlich mehr als Frauen.

Die Wünsche der angehenden Betriebs- und Volkswirte an ihre künftigen Arbeitgeber fassen die Forscher so zusammen: "Studierende der Wirtschaftswissenschaften möchten viel verdienen, einen sicheren Arbeitsplatz und möglichst wenig arbeiten."

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25 Kommentare zu "Wirtschaftswissenschaften: Wissenslücken bei VWL- und BWL-Studenten"

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  • Wer an einer staatlichen Hochschule VWL oder BWL studiert, lernt nichts anderes als die ganz hohe Kunst, die Wirtschaft - und insbesondere das "liebe Geld" - NICHT zu verstehen:

    http://opium-des-volkes.blogspot.de/2013/01/geldtheorie.html

  • "jeder rational denkende Arbeitnehmener sollte so denken, möglichst wenig Arbeit für viel Geld". Eine schöne Aussage die gut zum Artikel passt. Nun die Frage: Funktioniert dieser Satz für alle? Oder ist das die Arroganz einer Elite die Geld den anderen wegnimmt und in die eigene Tasche steckt - am besten ohne Gegenleistung? Aber natürlich, die Dummen wollen ja ausgebeutet werden. Und nun sagen wir noch schnell "soziale Marktwirtschaft" zur Vertuschung.

  • Ein Schlagwort, welches diese Misere gut umschreibt: "bulimie-learning" - so kamen mir vor allem die bWL-Veranstaltungen im Grundstudium vor. Einfach auskotzen und wieder vergessen. bei soviel sinnlosem Lernen ist es kein wunder, das mehr als die Hälfte der Studenten von Aufschieberitis geplagt wird, die brechen dann statistisch auch eher ihr Studium ab. Aber ohne intrinsischer Motivation wird man auch keine Zeitung aufschlagen.
    Meiner Meinung fehlt es sowohl an Eigenständigkeit der Studenten, als auch an motiviernden Lehrpersonen. in den USA sind die Standardwerke zur Einführung jedenfalls um einiges praxis-/realitätsorientierter.

  • Ein Schlagwort, welches diese Misere gut umschreibt: "bulimie-learning" - so kamen mir vor allem die bWL-Veranstaltungen im Grundstudium vor. Einfach auskotzen und wieder vergessen. bei soviel sinnlosem Lernen ist es kein wunder, das mehr als die Hälfte der Studenten von Aufschieberitis geplagt wird, die brechen dann statistisch auch eher ihr Studium ab. Aber ohne intrinsischer Motivation wird man auch keine Zeitung aufschlagen.
    Meiner Meinung fehlt es sowohl an Eigenständigkeit der Studenten, als auch an motiviernden Lehrpersonen. in den USA sind die Standardwerke zur Einführung jedenfalls um einiges praxis-/realitätsorientierter.

  • @Jörg MÜller: ich weiß es nicht genau, aber vielleicht Marcuse?

    ich mache gerade meinen MA in VWL. Die Studie überrascht mich keineswegs. Selbst in den höheren Semestern gibt es VWL Studenten, die keine Ahnung von den realen Zuständen haben. ich meine damit, dass viele sich noch nicht einmal ein bild darüber machen können, wie groß das biP in Deutschland ist, was die aktuelle inflationsrate ist usw. Mein Lieblingswitz: "Na, wie groß ist denn das reale biP in Deutschland?" Antwort: "2%?". ich wette, die Antwort findet man in jedem Oberseminar.
    Aber egal, so lange man schön Differenzieren und integrieren kann, ist das ok...

  • An den Hochschulen zielt die Ausbildung eines bWL- oder VWL-Studenten vor allem auf allgemeine wirtschaftliche Lehren, die langfristig nutzbar sein können. Die Umfrage beschäftigt sich dagegen mit den speziellen Fragen der bWL bzw. VWL und sind "naturgemäß" kurzlebig und damit nicht invariant. Zudem muss differeniert werden, wer (Semsesterzahl, Vertiefung, Hochschule) befragt wurde, damit das Ergebnis verallgemeinert werden können. Weiterhin haben bWL und VWL-Studenten während der Studienzeit unter Umständen nicht die notwendige Zeit, neben dem Studium, die sich ständig kurzfristigen Änderungen bzw. spezielle Fragestellungen annehmen zu können. Vielmehr würde ich deshalb eine Umfrage durchführen, die solige qualitative und quantitative Wissenslücken aufdeckt und langfristig von NÖTEN sind. insbesondere sollte ein bWL und VWL-Student Fachbegriffe und Zusammenhänge inkl. Methoden kennen und vertiefen lernen. Das ist wichtiger, als z.b. das who is who zu lernen... Das kann man sich schnell aneignen, wenn man im berufsleben steht!!!

  • ich bin ebenfalls bWLer. Aber das muss man gar nicht sein, um den Fehler zu finden: "Ein Großteil der befragten befand sich im ersten oder zweiten Fachsemester."

    Die ersten Worte meines Professors in der allerersten Vorlesung waren: 'Schaut nach links, jetzt schaut nach rechts: Das sind die beiden, die ihr Diplom nicht schaffen werden!': Angesichts einer Abbrecherquote von 50% bis zum Vordiplom ist es also kein Wunder, wenn ein Teil der 1. und 2. Semesterstudenten Wissenslücken hat. Zumal man in der Zeit sowieso nur Mathematik und Modelle lernt. Zusammenhänge weiß in dem Stadium noch niemand (bzw. die Allerwenigsten).

  • Zitat: "The quality of education given to the lower class must be of the poorest sort, so that the moat of ignorance isolating the inferior class from the superior class is and remains incomprehensible to the inferior class. With such an initial handicap, even bright lower class individuals have little if any hope of extricating themselves from their assigned lot in life. This form of slavery is essential to maintain some measure of social order, peace, and tranquillity for the ruling upper class. "

    Na, wer findet die Quelle des Zitats ? :-)

  • Als WP mit 60 Jahren finde ich diese Entwicklung erschreckend.Das führte in der jüngeren Vergangenheit dann zu utopischen Unternehmensbewertungen,die ganze Konzerne ins Trudeln brachten und den Managern ein riesiges Privatvermögen nach dem Rauswurf.Mangelndes Wissen wird unsere Volkswirtschaft noch in den Ruin treiben.Das Ende ist dann das Akademiker-Prekariat!

  • Naja, da oute ich mich mal: Ja, ich bin ein WiWi (Abschluß Uni). Es stimmt - bVWL ist leider Gottes zu einer Veranstaltung der Wissensabfrage geworden. Und mit dem bachelor/MasterSystem wird sich dieser Trend noch verstärken - zumal langfristiges Wissen immer weniger gefragt wird. Man bekommt am Ende seines Semesters ein paar Credits (wie ich diesen begriff schon hasse) ud die gehen dann auf das Dipl-Zeugnis ein. Für Leute mit einem soliden Kurzzeitgedächtnis echt eine tolle Sache. Da ich vor einigen Jahren meinen Abschluß nach alter Version gemacht habe (5 Prüfungen a 5 Stunden innerhalb von 3 Wochen) ist mir das richtig krass aufgefallen, welch anderen Anspruch es darstellt auf diese Prüfungen zu lernen. Diejenigen, die nach neuer Ordnung ihre Prüfungen ablegten, hatten 2 Prüfungen a 3 Stunden).

    Folge: Der Arbeitgeber weiß nicht, was der Student am Ende seines Studium kann (besser: wissen sollte), sondern erhält mit der Abschlußnote informationen über das Kurzzeitgedächtnis des Studenten vor 2-3 Jahren - die Aussagekraft ist zweifelhaft.

    Aber mal ehrlich: wir haben doch ein viel größeres Problem. Alle WiWis der letzten 30-40 Jahre beten zum falschen Gott an. Alle hängen doch letzendlich an den Worten von Friedman. Alle glauben der Markt ist Gott, Globalisierung ist das Größte und grenzenloser Freihandel schafft Reichtum. Das Schlimmste: man geht der irrigen Annahme nach, das Geld Geld schaffen kann (langfristig)... diese Leute alle umzuprogrammieren ist viel schwieriger, als die heutigen Deppen neu zu programmieren...

    VG SystemSturz

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