Wissenswert
Frontalunterricht ist besser als sein Ruf

Das sture Auswendiglernen gilt modernen Bildungsforschern als veraltet und uneffektiv. Eine Studie aus Israel kommt nun teils zum gegenteiligen Schluss. Entscheidend sei vielmehr ein Mix der Lehrmethoden.
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DüsseldorfEs ist eine etwas andere Mission: Statt in den Krieg, sollen britische Ex-Soldaten demnächst in die Klassenräume des Landes ziehen. Im Schnellverfahren zu Mentoren oder Lehrern weitergebildet, sollen sie als Vorbilder dienen und Schülern „Selbstdisziplin und die Bedeutung von Teamwork beibringen“, sagt der britische Bildungsminister Michael Gove.

Der konservative Politiker hat sich auf die Fahnen geschrieben, traditionellen Lehrmethoden wieder mehr Bedeutung zu verschaffen: Verben konjugieren, historische Daten auswendig lernen, das kleine Einmaleins aufsagen - all das soll im Lehrplan wieder mehr Gewicht bekommen.

Über Soldaten im Klassenraum lässt sich streiten - aber traditionelle Lehrmethoden stärker in den Unterricht einzubeziehen, könnte die Leistungen der Schüler tatsächlich verbessern. Das zumindest legt eine aktuelle Studie des israelischen Ökonomen Victor Lavy nahe, der modernen Unterrichtsmethoden ein durchwachsenes Zeugnis ausstellt.

Um herauszufinden, wie erfolgreich verschiedene pädagogische Ansätze wirken, wertete der Ökonom der Jerusalemer Hebrew University einen riesigen Datensatz aus. In den Jahren 2002 und 2005 hatten israelische Fünft- und Achtklässler aus Hunderten Schulen in einer Befragung angegeben, wie ihre Lehrer sie unterrichten: Fragen sie besonders oft Wissen und Verständnis ab, oder ermutigen sie ihre Schüler in erster Linie, kritisch zu denken, verschiedene Lösungswege auszuprobieren und eigenständig zu arbeiten?

Die Antworten der Schüler verglich Lavy mit ihrem Abschneiden in schulübergreifenden Leistungstests in Mathe, Englisch, Hebräisch und in den Naturwissenschaften.

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Eigenständiges Arbeiten führt nicht zu besseren Leistungen

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  • Neu sind die Erkenntnisse von Lavy keineswegs und auch bei weitem nicht umfassend und differenziert untersucht.
    Will man die Frage nach den Unterrichtsmethoden, die am Besten funktionieren, untersuchen, kommt man an drei Autoren nicht vorbei: John Hattie (New Zealand) hat in seiner Studie "Visible Learning) die Einflüsse auf den Erfolg des Unterrichts in Form von Metastudien untersucht und dabei nicht nur die Unterrichtsmethoden sondern auch andere Einflüsse wie Klassenstärke, Organisationsformen, "Ehrenrunden", Unterichtsstörungen etc. untersucht. Gleiches hat Robert Marzano (USA) in seinem Buch Classroom Teaching getan, wobei er sich ausschließlich auf Unterrichtsmethoden konzentriert hat. Bei beiden kamen in die Metatudie nur die Studien hinein, die einen Vergleich mit einer Kontrollgruppe beinhaltet haben. Die aus dem Vergleich der Studien abgeleitete Effektgröße gibt Auskunft über den Erfolg einer Methode: Effektgrößen von 0,5 entsprechen im anglo-amerikanischen Bewertungssystem eine Durchschnittliche Steigerung um eine Notenstufe.
    Geoff Petty (UK) hat in seinem Buch Evidence Based Teaching beide Studien sythetisiert und einen Satz von 6 hochwirksamen Unterrichtsprinzipien herausgefiltert: interactive teaching ( Effektgröße 0,81), cooperative learning (0,81), reciprocal teaching (0,86), decisions decisions (0,89), assessment for learning (0,81), visual tools (1,3).
    Dabei wird auch differenziert, wie das Setting im Unterricht aussehen muss, damit eine Methode wie z.B. der Frontalunterricht (= whole class interactive teaching) seine Wirksamkeit entfaltet.

  • Es ist schön, dass jeder, der einmal eine Schule besucht hat, sich ein umfassendes Urteil über Lehrmethoden erlauben kann.
    Einfach nur Wissen zu kumulieren kann im Zeitalter von Wikipedia und sozialen Netzwerken nicht mehr Sinn der Schule sein. Es braucht echte Pädagogik um die Schüler soweit zu bringen, dass sie lernen das vorhandene Wissen in ihre Präkonzepte zu integrieren. Dazu benötigen die Schüler aber Feedback und das bekommen sie nur, wenn sie im Unterricht ihre Vermutungen und Ideen äußern können und dazu einen Kommentar vom Lehrer oder den Mitschülern (Peerfeedback) bekommen. Nebenbei werden gleich noch ein paar Softskills trainiert, die für Teamarbeit unabdingbar sind (z.B. Feedback verfassen aber auch Feedback annehmen)

  • Bei inkompetentem Lehrpersonal produziert Frontalunterricht die besseren Ergebnisse, - herrlich treffend! - Vermutlich gilt das Gleiche bei sozial stark heterogener Zusammensetzung der Kinder in Schülerschaft. Solange der Lehrer die Aufmerksamkeit seiner Schüler erzwingen kann, jedenfalls. - Bei allem sollte man im Hinterkopf haben, welche Schule man (nicht nur seinen Kindern sondern) seinen Enkeln wünscht. Dass mit einem privatisierten Bildungswesen (ohne die Insellösungen einzelner Bundesländer zum Beispiel) viel Geld zu verdienen ist, ist hoffentlich jedem klar.

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