Wissenswert
Produktivität leidet unter befristeten Arbeitsverträgen

Wenn Firmen stark auf befristete Verträge setzen, leidet die Produktivität. Ursachen dafür sind laut einer Studie die fehlende Motivation der Arbeitnehmer - und geringe Anreize, ins personelle Know-how zu investieren.
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KölnDürften Ökonomen den idealen Arbeitsmarkt entwerfen, dann wäre er vor allem eines: flexibel. Je schwieriger und teurer es für Unternehmer ist, Beschäftigte wieder auf die Straße zu setzen, desto stärker halten sie sich mit der Neueinstellung von Personal zurück, sind viele Volkswirte überzeugt. Zahlreiche Länder haben es Arbeitgebern daher in den vergangenen Jahren leichter gemacht, Beschäftigte befristet einzustellen.

Doch für Unternehmen bergen zu viele Zeitverträge unangenehme Nebenwirkungen. Darauf deutet die Studie eines Forscherteams um den Ökonomen Juan Dolado von der Universität Carlos III in Madrid am Beispiel Spaniens hin.

In dem Mittelmeer-Land lockerte die Regierung in den 80er- und 90er-Jahren mehrfach die Auflagen für Zeitverträge. Vor den Reformen hatte nur jeder zehnte Beschäftigte in Spanien einen Zeitvertrag, heute ist es jeder vierte. Der Anteil der Beschäftigten mit befristeten Verträgen ist so hoch wie in kaum einem anderen Industrieland.

Für die Unternehmen hatte die Verbreitung der Zeitverträge allerdings unangenehme Nebenwirkungen, stellen die Forscher fest. Das häufige Kommen und Gehen in den Firmen scheint ein wichtiger Grund dafür, dass sich die Produktivität der spanischen Industrie seit Mitte der 90er-Jahre enttäuschend entwickelt hat. Die geringe internationale Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen des Landes gilt unter Ökonomen als eine Ursache für die Euro-Krise.

In ihrer Studie werteten die Wissenschaftler eine detaillierte Unternehmensdatenbank aus, in der für einen Zeitraum von 14 Jahren Informationen über Mitarbeiter und Unternehmenskennzahlen von rund 3 700 Industrieunternehmen zusammengetragen sind. Die Forscher berechneten für die einzelnen Beschäftigten die Wahrscheinlichkeit, dass ein befristet eingestellter Arbeiter am Ende seines Vertrags in ein normales Arbeitsverhältnis übernommen wird.

Je schlechter die Aussichten auf eine feste Stelle sind, desto niedriger ist die Produktivität der gesamten Firma, stellen sie fest. Der Effekt gilt für neue Firmen genauso wie für etablierte und ist unabhängig davon, wie viel Geld eine Firma für Forschung und Entwicklung ausgibt. 15 Prozent der Produktivitätsschwäche der spanischen Industrie lassen sich laut Studie mit den Arbeitsmarktreformen erklären. Was ist der Grund dafür?

Die Ökonomen führen die schlechte Produktivität auf zwei Phänomene zurück. Zum einen zahle sich die Aus- und Weiterbildung von Beschäftigten weniger aus, wenn diese das Unternehmen schon nach kurzer Zeit wieder verlassen. „Die Anreize für die Arbeitgeber, in das Know-how ihres Personals zu investieren, sinken“, schreiben die Forscher. Hinzu komme, dass die unsicheren Karriereaussichten die Motivation und den Elan der Arbeiter bremsen dürften.

Wer wisse, dass sein Vertrag demnächst ohnehin wieder ausläuft, strenge sich weniger an. Wie wichtig die Karriereaussichten für den Arbeitseinsatz von Personal mit befristeten Verträgen sind, zeigt eine andere Studie am Beispiel der Schweiz. Die Ökonomen Axel Engellandt und Regina Riphahn werteten dafür Daten einer großangelegten Arbeitnehmerbefragung aus. Sie kamen zu dem Schluss: Wenn die Chancen auf eine Festanstellung hoch sind, sind Zeitverträge ein Anreiz, sich besonders reinzuhängen. Dann machen befristet Beschäftigte deutlich mehr Überstunden als jene mit dauerhaften Verträgen.

Kostenloser Download der Studie

Kommentare zu " Wissenswert: Produktivität leidet unter befristeten Arbeitsverträgen"

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  • Produktivität ist Output pro Input. Das wird in Geldeinheiten gemessen. Je weniger Geld ich in Personal investiere, desto höher ist der Wertoutput bei sonst gleichem Input.

    Umgekehrt heißt das, je mehr Geld ein Unternehmen für Zeitarbeit ausgeben muß, desto kleiner wird die Produktivität bei gleichem Output. Das hat überhaupt nichts mit der Arbeitsqualität zu tun.

  • Dazu brauch ich keine Studie. Ich kenne das aus der eigenen Firma. Der Schaden einer fehlerhaften Montage hat sich erst später beim Kunden gezeigt. Es hat Hunderttausende gekostet. Dafür hätten wir viele MA einstellen können!

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