Wohlstand
Der wahre Wert des Internets

Das Internet hat unser Leben verändert und schenkt uns Wohlstand, der in keiner Statistik auftaucht. Denn Volkswirte haben ein Problem: Viele Online-Dienste sind kostenlos - für das Bruttoinlandsprodukt werden aber nur Sachen erfasst, die einen Preis haben. Jetzt wollen Ökonomen diese Wissenslücke schließen.

KölnDas Internet hat unser Leben umgekrempelt wie keine andere Erfindung in den vergangenen Jahrzehnten. Wir können Omas Eierbecher per Onlineauktion nach Australien verkaufen, in Kleinmachnow Lokalnachrichten aus New York City verfolgen und uns am Schreibtisch das Original-Patent für die Dampfmaschine von James Watt aus dem Jahr 1776 anschauen.

Wir müssen uns dabei nicht einmal mehr einsam fühlen: Unsere Freunde und Kollegen sind dank Facebook und Xing immer bei uns.

Wirtschaftsforscher betrachten das Internet als eine Basistechnlogie. Es krempelt die Art und Weise, wie wir leben und arbeiten, komplett um - so, wie es der elektrische Strom getan hat, das Telefon und das Automobil.

Doch in den ökonomischen Statistiken schlägt sich all das nur teilweise nieder. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) bildet die Internet-Revolution kaum ab. In das BIP fließen lediglich Güter und Dienstleistungen ein, die einen Preis haben - doch den gibt es im Internet nur selten.

Statt den Brockhaus zu kaufen, nutzen wir kostenlos Wikipedia, statt kostspielig mit dem Festnetz unsere Freund in den USA anzurufen, telefonieren wir umsonst über Skype. Auch für die Dienste von Google, Yahoo und GMX zahlen wir nichts.
Im BIP schlägt sich nur ein Bruchteil von all dem nieder - hauptsächlich die Investitionen in Computer-Hard- und Software, die Verbindungsgebühren sowie die Umsätze von Internet-Firmen wie Google und Facebook.

Für die BIP-Berechnung gilt zudem: Je teuerer ein Produkt, desto hochwertiger ist es - das Internet aber macht viele Dinge billiger. So fanden US-Forscher zum Beispiel heraus: Autokäufer, die sich online informieren, zahlen im Schnitt deutlich niedrigere Preise für ihr neues Vehikel.

Der MIT-Ökonom Erik Brynjolfsson fordert deswegen ein Umdenken: "Das Bruttosozialprodukt hat im Industriezeitalter den Wert von Autos und Stahl adäquat gemessen. Im Informationszeitalter besteht die Gefahr, dass das BIP viele Werte nicht mehr richtig erfasst."

Brynjolfsson schätzt, der Fehlbetrag könnte bis in die Billionen Dollar gehen. Wenn wir aber den wahren Wert des Internet nicht kennen, laufen wir Gefahr, den Wert von neuen Breitband-Netzen deutlich zu unterschätzen.
Immer mehr Ökonomen versuchen deshalb, den Nutzen des Internets für unser tägliches Leben genauer zu erfassen. Die Ergebnisse zeigen: Das Netz und unser Computer sind deutlich mehr wert, als wir dafür zahlen - jedem Einzelenen mehrere tausend Euro im Jahr.

Sichtbar wird der Nutzen erst, wenn man statt des BIP die so genannte Konsumentenrente betrachtet. Das theoretische Konzept der Konsumentenrente geht auf den britischen Ökonom Alfred Marshall zurück und ist rund 100 Jahre alt.
Gemeint ist der Mehrwert, den ein Produkt oder eine Dienstleistung für den Kunden bringt - die Differenz zwischen dem Preis, den wir tatsächlich bezahlen und der Summe, die wir dafür maximal zu zahlen bereit wären.

Da Anbieter von Online-Diensten oft gar keinen Preis verlangen, "wird die Konsumentenrente dementsprechend groß", sagt E-Business-Profesor Ökonom Ralf Peters (Universität Halle-Wittenberg). "Das gleiche gilt für den Messfehler beim Bruttoinlandsprodukt." Wie viel zusätzliches Einkommen also würde ein Mensch verlangen, damit er in einer Welt ohne Computer und Internet den gleichen Lebenstandart hätte? Dieser Frage sind die US-Ökonomen Karen Kopecky (Federal Reserve Bank of Atlanta) und Jeremy Greenwood (University of Pennsylvania) nachgegangen. Sie schätzen den Wohlstandsgewinn des Computers - ohne Internet - auf zwei bis drei Prozent unserer Konsumausgaben.

Die Studie zeigt auch, wie schnell der technische Fortschritt in der IT-Branche voranschreitet. Heutige Computer sind über 700 mal billiger verglichen mit ähnlich leistungsfähigen Rechnern aus dem Jahr 1971. Damals lag die Konsumentenrente durch Computer gerade einmal bei jährlich sechs Euro pro Person.

Einen anderen Weg wählten die Ökonomen Peter Klenow (Stanford) und Austan Goolsbee (Chicago), der Anfang der Woche mit seinem Rückzug als Wirtschaftsberater von Barack Obama für Schlagzeilen sorgte. Als Maßstab für den Wert des Internets ziehen sie die Zeit heran, die wir freiwillig online verbringen: Die Ökonomen rechneten aus, was man hätte verdienen können, wenn man stattdessen einer bezahlten Arbeit nachgegangen wäre.

Die Wissenschaftler werteten Daten aus dem Jahr 2004 aus. Schon damals surften die Amerikaner knapp acht Stunden pro Woche zum Vergnügen im Internet. Wer stattdessen arbeiten gegangen wäre, hätte im Jahr im Schnitt 2500 bis 3800 Dollar zusätzlich verdienen können. Diese Summe drücke aus, was uns die Online-Zeit in Heller und Pfennig wert ist - weil wir freiwillig auf dieses Einkommen verzichten.

Dass wir lieber surfen als arbeiten, kann nach Ansicht des US-Ökonomen Tyler Cowen das gemessene Wirtschaftswachstum auf Dauer verlangsamen: "Ich sehe viele gut betuchte Leute, die sich lieber mit Twitter vergnügen, als Diamanten einzukaufen", schreibt der Professor an der George Mason Universität in seinem Buch "The Great Stagnation".

Cowens Fazit über den ökonomischen Nutzen, den das Internet stiftet, ist daher differenziert. "Wir können uns über das Internet freuen, denn es bringt uns Glück und lässt uns Spielraum für unsere persönliche Entfaltung", schreibt der US-Professor. "Wir müssen aber pessimistisch sein, wenn wir durch das Netz ökonomische Gewinne erzielen und unsere Schulden zurückzahlen möchten."

Links zum kostenlosen Download von allen im Text erwähnten Studien finden Sie hier

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