Zukunft der VWL
Keine Antwort ist auch eine Antwort

Wohin entwickelt sich die VWL? Parallel zu seiner Jahrestagung in Berlin hatte das Institute for New Economic Thinking (INET) in der vergangenen Woche auch 300 Nachwuchswissenschaftler in die Hauptstadt eingeladen, um über die Zukunft des Fachs zu diskutieren. Teilnehmer Benedikt Meyer-Bretschneider, Doktorand an der Humboldt-Uni, berichtet von seinen Eindrücken. Ein neues Paradigma, so sein Fazit, ist nicht in Sicht.
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Berlin
Ursprünglich waren Studenten und junge Forscher nicht Teil der Konferenz des Institute for New Economic Thinking (INET). Mit dem Titel „Paradigm Lost“ drehte sich die Konferenz zwar um ein abhanden gekommenes Weltbild in der Ökonomie, aber ein schneller Blick in die Teilnehmerliste offenbarte nicht gerade, woher ein neues Weltbild kommen denn möge.

Zu finden waren dort vor allem die Größen des Fachs: Nobelpreisträger, Notenbanker und einige Politiker. Die Frage, von wem dabei die Impulse für neues ökonomisches Denken denn kommen sollten, war mehr als berechtigt.

Nachdem sich für wenige freie Plätze aber viel zu viele Studenten beworben hatten, wurde in letzter Minute die Parallelveranstaltung „YSI Commons“ der Young Scholars Initiative (YSI) des INET für insgesamt 300 Studenten, Doktoranden und Post Docs (davon ca. die Hälfte aus dem Ausland) auf die Beine gestellt. Sie sollte nicht nur den Startschuss für ein Netzwerk junger „New Economic Thinker“ geben, sondern auch als Diskussionsplattform neben der Hauptkonferenz fungieren.

Neben einem Livestream waren viele der Redner zu Diskussionen und einigen Panels in das Hotel Adlon eingeladen. Ziel war es, den direkten Dialog zwischen den Generationen und ökonomisch relevanten Disziplinen über neue Theorien und Lösungsansätze ökonomischer Probleme zu ermöglichen.

Es war ein Experiment, dem die meisten Redner kurzfristig folgten und ihre Einladungen annahmen. So wurde Joschka Fischer zur Führungsfähigkeit Deutschlands in der Eurokrise befragt, Gerd Gigerenzer zur Optimalität beschränkter Rationalität, Joseph Stiglitz zur zukünftigen Gestaltung der Globalisierung und Amartya Sen zur Integration von Philosophie und Ökonomie als Basis neuen, ökonomischen Denkens.

Der Dialog fand mal im Sitzen, mal im Stehen statt, und manchmal auch bei einem Kaffee im Foyer. Es war ein direkter, ungefilterer Austausch. Das was auf der Hauptkonferenz zwischen vielen Präsentationen und wenig Zeit für Fragen auf der Strecke blieb, hatte hier Platz zum Atmen. George Soros schien das zu gefallen, er kam gleich zweimal vorbei.

Doch was war wirklich neu? Zur Schuldenkrise kamen altbekannte Vorschläge aus dem keynesianischen Lager, der deutsche Weg der Sparsamkeit funktioniere vielleicht in Deutschland, aber in Europa hemme er das Wachstum. Die Ökonomen hätten die Finanzmärkte nicht verstanden, auch das ist ein Klassiker. Man müsse die Vielschichtigkeit menschlicher Präferenzen besser in Modellen verankern, auch und gerade in der Makroökonomie. Wirklich neu ist das nicht.

Im Gegenteil: viel Krititk führt zurück auf die Frage nach der Sinnhaftigkeit von Modellen, die schon seit jeher Thema in der Ökonomie ist. Für die meisten Doktoranden waren die wesentlichen Thesen der Konferenz mehr eine Bestätigung der Relevanz Ihrer Fragen, dabei hatten viele solide Hinweise für die nächsten Schritte gesucht.

Auf die Frage des „Quo Vadis?“ gab es also keine Antwort. Aber auch keine Antwort ist eine Antwort: Die Disziplin steht an einem Punkt, wo ein neues, gemeinsames Paradigma nicht in Sicht ist, das hat diese Konferenz unmissverständlich gezeigt und die individuellen Gespräche konnten das bestätigen. Ob es ein gemeinsames Paradigma jemals wieder geben wird, ist mithin fraglich, sollte sich die Ökonomie wirklich weiter methodisch (Experimente, Feldtheorie) und diszplinär (Psychologie, Physik) öffnen.

Vielleicht, so fragen sich die Jungen, ist ein gemeinsames Paradigma aber auch garnicht nötig. Am Ende des Tages möchte man präzise ökonomische Phänomene beobachten und erklären, und wer dabei ein Paradigma wie die Theorie der rationalen Erwartungen als Allzweckwaffe benötigt, wähnt sich zumindest in der modernen Forschung nur scheinbar in Sicherheit.
Trotzdem stecken viele der Jungen mitten in ihren ersten Forschungsprojekten und es brennt die Frage: kann man sich denn mit neuen Ideen in der Forschung etablieren? Schließlich hatte es die Ökonomen schon gegeben, die andere Wege gegangen waren, die die Krise vorhergesehen hatten, die vor regulatorischen Fehlanreizen und makroökonomischen Ungleichgewichten gewarnt hatten.

Man hatte sie nicht gehört, warum also sollte man sich nun blindlings auf neue Theorien stürzen und konventionelle Modelle in Frage stellen? Und ist die Zeit dafür schon reif? Die Professoren sind geteilter Meinung. Appellierende Worte, nicht blind dem Mainstream zu folgen, wechseln sich ab mit Diskussionen über Karrieremechanismen in der Forschung, die neue Ansätze gerne ignoriert oder passend macht, wenn sie unpassend sind.

Auch die Rückbesinnung auf die Ursprünge ökonomischer Forschung und Literatur könne bei den entscheidenen Schritten nach vorne helfen, ebenso wie solides empirisches Arbeiten. Allen ist dabei gemein, dass sie den Punkt für größere Veränderungen als gekommen sehen, aber es sei die junge Generation, die das Momentum nutzen müsse. An Problemen mangelt es also nicht, auch nicht an großen Fragen. Was fehlt ist eine Generation neuer Forscher, die neue Wege gehen, um diese Fragen zu beantworten.

An diesem Punkt, an dem ein altes Paradigma verworfen wird und die Suche nach einem neuen unsicher ist, zeigt sich die Bedeutung einer Konferenz wie der YSI Commons. Der authentische und ungefilterte Dialog mit vielen Größen des Fachs wie Armatya Sen und Joseph Stiglitz, die die Wissenschaft vorangetrieben haben, ohne sich am Mainstream zu orientieren, schafft eine Grundlage für persönliche Orientierung.

Entsprechend werden die YSI Commons an diese Konferenz anknüpfen und das Netzwerk erweitern. Ein Teilnehmerverzeichnis, eine Google Group, ein Twitter Feed, sowie die Internetpräsenz des INET bieten erste Anknüpfungsmöglichkeiten. Auf regionaler Ebene sind bereits weitere Konferenzen zu verwandten Themen geplant.

Fazit: die Konferenz hat Probleme aufzeigt, Fragen bestätigt, Hinweise geliefert. Wirklich neu war dabei kaum etwas, und die Antworten bleiben weiter im Verborgenen. Wer sich traut, kann viel gewinnen, und getreu dem Motto „This time it’s different“ dann hoffentlich bald die nächste Krise vorhersagen.

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