"Animal Spirits"
Der teure Irrtum der Makroökonomie

Die Finanz- und Wirtschaftskrise zeigt das Versagen der modernen Volkswirtschaftslehre. Nicht irgendwelche Außenseiter stellen diese Thesen auf, sondern die Top-Ökonomen George Akerlof und Robert Shiller. In einem neuen Buch fordern sie einen Paradigmenwechsel-und eine Rückbesinnung auf einen bekannten Altmeister.
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Die "Great Depression" war nicht nur eine wirtschaftliche Mega-Katastrophe, sie war auch ein Desaster für die Wirtschaftswissenschaft. Die bis dahin gängige ökonomische Theorie konnte den Zusammenbruch der Wirtschaft weder erklären noch Auswege aufzeigen. Erst John Maynard Keynes gab 1936 mit der "General Theory" die "Antwort auf die Krise der Wirtschaftstheorie", so der Freiburger VWL-Professor Oliver Landmann.

Heute ist die Situation ganz ähnlich, postulieren zwei US-Ökonomen in einem neuen Buch. Der makroökonomische Mainstream leide unter entscheidenden analytischen Schwächen. Diese führten zu falschen Politikempfehlungen und letztendlich zur weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise.

Nicht irgendwelche wissenschaftlichen Außenseiter stellen diese Thesen auf, sondern zwei der weltweit angesehensten Ökonomen: Der Berkeley-Professor George Akerlof, der 2001 den Ökonomie-Nobelpreis erhielt, und sein Yale-Kollege Robert Shiller. Er erlangte Weltruhm, weil er vor neun Jahren in seinem Bestseller "Irrational Exuberance" frühzeitig vor dem Platzen der Börsenblase warnte und den Kollaps auf dem US-Immobilienmarkt richtig prognostizierte.

"Das zentrale Problem sind die allgemein akzeptierten Grundannahmen, auf denen der Großteil der heutigen ökonomischen Theorie basiert", schreiben Akerlof und Shiller in ihrem Buch "Animal Spirits", das vergangene Woche in den USA auf den Markt gekommen ist. Auf Deutsch erscheint es unter dem gleichen Titel am 5. März im Campus Verlag. Besonders problematisch sei der Glaube daran, dass die Märkte stets effizient seien und sich die Menschen von rationalen Erwartungen leiten ließen. Beides führe dazu, dass Ökonomen die wichtigsten Triebkräfte von Wirtschaftskrisen übersehen: psychologische und emotionale Faktoren, die unser wirtschaftliches Verhalten oft stärker bestimmen als rationales Kosten-Nutzen-Kalkül.

Akerlof und Shiller sprechen von den "Animal Spirits" und lehnen sich damit ganz bewusst an die Wortwahl von Keynes an. In der "General Theory" hatte dieser postuliert, "dass ein großer Teil unserer positiven Tätigkeiten mehr von spontanem Optimismus als von einer mathematischen Erwartung abhängt". Dies hielt Keynes für eine zentrale Triebfeder der Wirtschaft: "Wenn die animalischen Instinkte abgedämpft werden und der plötzliche Optimismus stockt, wird somit das Unternehmertum schwinden und sterben - obschon die Angst vor Verlusten keine vernünftigere Grundlage gehabt haben mag als vorher die Hoffnung auf Gewinn."

Doch "Animal Spirits" sind in der Keynes-Rezeption schnell unter den Tisch gefallen. Bereits in der 1937 von John Hicks publizierten Interpretation der "General Theory", die die bis heute gängige Sicht auf Keynes prägte, spielen Unsicherheit und Erwartungen keine Rolle mehr.

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