Arbeitsmärkte
Schönheitsfehler im Nobelpreis

Die Theorien der neuen Wirtschafts-Nobelpreisträger Dale Mortensen und Christopher Pissarides sind den alten Arbeitsmarkt-Modellen zwar überlegen, doch sie haben einen Schönheitsfehler - sie können das reale Arbeitsmarkt-Geschehen nicht richtig erklären. Ein ungelöstes Rätsel, auf das Robert Shimer in seinem Papier aufmerksam macht.
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LONDON. Volkswirtschaftslehre", lautet ein altes Bonmot, "ist das einzige Fach, in dem zwei Forscher den Nobelpreis bekommen können, weil sie sich komplett widersprechen." Seit vergangenem Montag gibt es einen weiteren Anlass zu Spott: In der VWL werden Theorien ausgezeichnet, die die Realität nicht richtig erklären können.

Der Nobelpreis geht in diesem Jahr an die Ökonomen Peter Diamond, Dale Mortensen und Christopher Pissarides - dafür, dass sie das Alltagsphänomen des Suchens in die Wirtschaftswissenschaft eingeführt haben. Gerade auf Arbeitsmärkten, so postulieren die Forscher, ist das relevant: Ein Vertrag kann nur dann zustande kommen, wenn die passenden Arbeitnehmer und Arbeitgeber zueinander finden. 1994 haben Mortensen und Pissarides diese Erkenntnis erstmals in ein theoretisches Arbeitsmarkt-Modell eingebaut. Es entwickelte sich schnell zum neuen Standardwerkzeug von Ökonomen, weil es den bis dahin üblichen simpleren Arbeitsmarkt-Modellen weit überlegen war und viele Phänomene besser abbilden konnte.

Zum Beispiel die Tatsache, dass einerseits die Zahl der Arbeitslosen konstant ist, zugleich aber ständig enorme Bewegung auf dem Job-Markt herrscht, weil von Monat zu Monat viele Jobs verloren gehen und gleichzeitig neue entstehen. Sosehr Diamond, Mortensen und Pissarides die Arbeitsmarkt-Theorie damit aber auch vorangetrieben haben - einen Schönheitsfehler haben ihre Suchmodelle dennoch: Die tatsächliche Beschäftigungsentwicklung in den Industrieländern können sie nicht vernünftig erklären. Reale Arbeitsmärkte reagieren auf Konjunkturschwankungen mit weit größeren Aufs und Abs, als die Modelle der frischgebackenen Nobelpreisträger vermuten lassen.

Der Erste, dem das auffiel, war Robert Shimer, heute Professor an der University of Chicago. Mitte der 90er-Jahre - Shimer steckte damals noch mitten in seiner Doktorarbeit - hatte er die Idee, die jetzt mit dem Nobelpreis ausgezeichneten Suchmodelle mit realen Arbeitsmarktdaten aus den Vereinigten Staaten zu füttern und die Ergebnisse zu vergleichen.

Sein Befund war niederschmetternd: Bei dem Versuch, die in der Wirklichkeit beobachteten Ausschläge bei der Arbeitslosigkeit und den offenen Stellen zu erklären, versagten die Theorien nahezu komplett. "In einem vernünftig kalibrierten Modell fallen die Ausschläge zehnmal kleiner als in der Realität", fasste er sein Ergebnis im renommierten "American Economic Review" zusammen. Die Kennziffer, die beschrieb, wie schnell ein Arbeitssuchender eine neue Stelle findet, war in dem Modell sogar noch weiter von der Wirklichkeit entfernt.

Die Beobachtung, die als "Shimer-Rätsel" in die Forschung einging, ist bis heute eine der großen offenen Fragen der Arbeitsmarktforschung. Eine allgemein akzeptierte Erklärung für die Diskrepanz zwischen Theorie und Wirklichkeit haben Volkswirte noch nicht gefunden. Die naheliegende Vermutung, dass die Löhne in der Realität starrer sind als im Modell und daher die Ausschläge größer, haben die meisten Forscher als Erklärung weitgehend verworfen. Denn Studien haben gezeigt, dass zumindest in den USA gerade bei neuen Beschäftigungsverhältnissen die Löhne relativ flexibel sind.

Möglicherweise würden die Folgen von Suchkosten einfach überschätzt, vermutet Shimer. "Für sich betrachtet scheint das Suchverhalten nicht wirklich wichtig zu sein, um die Entwicklung des Arbeitsmarktes im Konjunkturzyklus zu erklären", schreibt er in einer jüngst veröffentlichten Überblicksarbeit zum Forschungsstand. Auffällig ist: In dem 34-seitigen Papier, in dem die Schwedische Akademie der Wissenschaften ihre Nobelpreis-Entscheidung ausführlich begründet, wird das "Shimer-Rätsel" nur am Rande erwähnt.

"The Cyclical Behavior of Equilibrium Unemployment and Vacancies" von Robert Shimer, in: American Economic Review, 2005 ,

Hier geht's zum kostenpflichtigen Download der Studie

Kommentare zu " Arbeitsmärkte: Schönheitsfehler im Nobelpreis"

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  • Gelegentlich wundert man sich über die Auswahl der Entscheidungsträger für Nobelpreise. Ohne jetzt die Arbeiten der diesmaligen Preisträger schmälern zu wollen - es hätte bessere Kandidaten gegeben.

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