Behavioral Economics
Wenn Ökonomen in den Kindergarten gehen

Was passiert, wenn ein Kindergarten Strafgebühren einführt für Eltern, die ihre Kinder zu spät abholen? Die ökonomische Theorie gibt eine klare Antwort: Das Ausmaß der Verspätungen wird sinken. Denn für die Eltern steigen die Anreize, pünktlich zu kommen. Irrtum, behaupten die in den USA forschenden Ökonomen Uri Gneezy und Aldo Rustichini. Sie haben die Frage mit Experimenten in israelischen Kindergärten untersucht – und genau das Gegenteil beobachtet.

HB DÜSSELDORF. Sobald eine Strafe für zu spät kommende Eltern eingeführt wurde, habe deren Unpünktlichkeit signifikant zugenommen. Selbst, nachdem die Verspätungsgebühr wieder abgeschafft wurde, habe die Unpünktlichkeit auf dem höheren Niveau verharrt. Abstrahiert lautet die Botschaft der Studie: Finanzielle Anreize können das Gegenteil vom Erwünschten bewirken.

Dieses Ergebnis stellt die traditionelle ökonomische Wissenschaft vor Erklärungsnöte. Für die Interpretation der Resultate machen Gneezy und Rustichini Anleihen bei der Psychologie und der Soziologie: Durch die Strafgebühr ändere sich aus Sicht der Eltern das Normengefüge in der sozialen Beziehung zum Kindergarten. Ursprünglich sei es einfach eine Frage des Anstands, pünktlich zu kommen – weil sonst ein Kindergärtner nach seinem Feierabend auf den Nachwuchs aufpassen müsste. Dies hätten die Eltern nicht als Markt-Transaktion wahrgenommen, sondern als Freundschaftsdienst – und es war Ehrensache, den nur in Anspruch zu nehmen, wenn es gar nicht anders ging. Durch die Strafgebühr habe die Verspätung einen Preis bekommen. Das Beaufsichtigen der Kinder verwandelte sich in eine Dienstleistung, die genauso bezahlt wird wie andere Angebote des Kindergartens. Dadurch wurde Unpünktlichkeit aus Sicht der Eltern zu einem akzeptablen Verhalten. Im Psychologenjargon ausgedrückt: Die starke intrinsische Motivation durch eine schwächere extrinsische ersetzt.

Eine bemerkenswerte These, die nach dem Erscheinen der Studie im Jahr 2000 in Forscherkreisen große Beachtung fand. Jetzt, fünf Jahre nach ihrer Veröffentlichung, macht die Studie erneut Furore. Diesmal, weil Ariel Rubinstein, einflussreicher Ökonomie-Professor aus Tel Aviv, starke methodische Vorbehalte gegen das Vorgehen der Autoren äußerte. Er kritisiert die Studie in einem viel beachteten Arbeitspapier als Negativ-Beispiel für unsaubere ökonomische Forschung.

Kern der Kritik ist die Frage, ob das Experiment tatsächlich so wie beschrieben stattfand. Rubinstein bezweifelt das: „Ich kenne Israel gut. Es ist ein Land, in dem Regeln selten durchgesetzt werden. Daher kann ich mir kaum vorstellen, dass ein Kindergärtner von Eltern eine Gebühr verlangt, die zehn Minuten zu spät kommen.“ Er wollte von den Autoren im Detail wissen, wie sie ihre Daten erhoben haben. Sein Wunsch, mit den beteiligten Kindergärtnern zu sprechen, sei nicht erfüllt worden – man habe die Namen nicht mehr parat. Sein Fazit: „Es gab in der Studie keinen Versuch zu prüfen, ob die Verspätungsdaten in den Kindergärten wirklich akkurat erfasst wurden.“ Rubinsteins Attacke elektrisierte die Fachwelt, sein Paper stürmte an die Spitze der Download-Charts.

Gneezy und Rustichini wählten die Vorwärtsverteidigung – sie wiederholten das Experiment. Ein ausführlicher Aufsatz über die Studie ist in Arbeit. Bislang beschreiben die Autoren Methode und Ergebnisse der Wiederholungsstudie nur in einem dreiseitigen Manuskript. 18 Wochen ließen die Ökonomen in zehn privaten israelischen Kindergärten die Pünktlichkeit der Eltern erfassen. In sechs der Einrichtungen führte das Management nach drei Wochen eine Strafgebühr in Höhe von 10 Schekel – rund 1,80 Euro – ein. Zahlen mussten Eltern, die ihre Kinder mehr als zehn Minuten zu spät abholen. Nach weiteren zwölf Wochen wurde die Strafe auch dort wieder abgeschafft.

Um Rubinstein den Wind aus den Segeln zu nehmen, boten die Forscher ihm nach eigenen Angaben an, ihn einzubinden. Dieser habe abgelehnt. Die Ökonomen legten zudem größeren Wert auf eine breite Datenbasis: Sie verfügen jetzt auch über Individualdaten zur Pünktlichkeit jeder einzelnen Familie. Zudem hätten die Kindergarten-Manager ihr Einverständnis gegeben, Dritten gegenüber Rede und Antwort über die Datenerhebung zu stehen. Durch Befragungen von Eltern haben die Forscher zudem verifiziert, dass die Kindergärten die Verspätungszuschläge auch tatsächlich eingetrieben haben.

Laut Gneezy und Rustichini bestätigt ihr neues Experiment die alten Resultate: In den vier Kindergärten ohne Verspätungsaufschläge veränderte sich die Pünktlichkeit der Eltern nicht. In den sechs anderen Einrichtungen dagegen verschlechterte sich die Pünktlichkeit der Eltern nach Einführung der Strafgebühren deutlich – und besserte sich auch nach der Abschaffung der Säumniszuschläge nicht mehr.

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