Betriebswirtschaft
Schlechtes Management ist kein Zufall

Warum sind amerikanische Unternehmen produktiver und profitabler als europäische? Trägt die Qualität des Managements dazu bei? Zwei renommierte britische Forscher sind dieser Frage mit einer aufwändigen Vergleichsstudie auf den Grund gegangen.

Nicholas Bloom und John Van Reenen von der London School of Economics kombinierten in ihrer Untersuchung die in der Betriebswirtschaft gebräuchlichen Fallstudien mit den empirischen Methoden der Volkswirtschaftslehre. Das Resultat ist eine für Entscheidungsträger aus der betrieblichen Praxis wie für wissenschaftlich Interessierte äußerst lesenswerte Studie. Sie erschließt eine Vielzahl bisher nicht verfügbarer Daten über Managementpraktiken in Deutschland, Frankreich, Großbritannien und den USA.

Das Forscherteam interviewte in den vier Ländern das gehobene Management von 732 Unternehmen mit 50 bis 10000 Beschäftigten. Die Forscher erfragten detailliert, wie die Unternehmen ihre Produktion und ihre sonstigen Abläufe organisierten. Als Leitfaden für die Bewertung der Managementpraxis diente der Kanon der von einer großen internationalen Managementberatung empfohlenen Praktiken.

Nur weil eine Unternehmensberatung etwas empfiehlt muss es natürlich nicht gut sein. Das testeten die Forscher, indem sie den Zusammenhang zwischen der Bewertung der Managementpraktiken und den harten Zahlen der jeweiligen Unternehmen untersuchten. Das Ergebnis war auf ganzer Linie positiv. Unternehmen. die „gute“ Managementpraktiken umfassend umsetzen, sind im Durchschnitt produktiver und profitabler. Sie verzeichnen ein höheres Umsatzwachstum und gehen seltener bankrott als Unternehmen, die im wesentlichen nach Bauchgefühl geleitet werden.

Der positive Zusammenhang mit dem Unternehmenserfolg gilt auch in den einzelnen Ländern, so dass die Autoren ausschließen können, dass das gute Abschneiden der amerikanischen Manager von einem angelsächsischen Bias in den Empfehlungen herrührt.

Tatsächlich schneiden die amerikanischen Manager am Besten ab. Aber auch für die Deutschen gibt es eine gute Nachricht: Sie sind im Durchschnitt kaum schlechter als die Amerikaner, der Unterschied ist nicht statistisch signifikant. Die Briten und Franzosen dagegen hinken deutlich hinterher.

Besonders gut sind die deutschen Manager beim systematischen Streben nach Prozessverbesserung, der laufenden Erfolgskontrolle und im Umgang mit leistungsschwachen Mitarbeitern oder Teams. Schwächen zeigen sie dagegen in der Einführung moderner Produktionsmethoden und im Belohnen hervorragender Mitarbeiter. In Großbritannien und Frankreich dagegen gibt es eine überraschend große Zahl von Unternehmen, die in allen oder fast allen Disziplinen die schlechteste Note bekommen. Solche Unternehmenslenker bestellen zum Beispiel Vorprodukte en Gros und lagern sie dann ein halbes Jahr, sie suchen Produktionsprobleme nur dann, wenn schon eine Krise da ist; und sie kümmern sich weder um ihre besonders guten noch um ihre besonders schwachen Mitarbeiter.

Im hohen Anteil der Totalversager liegt der Hauptunterschied in der durchschnittlichen Managementqualität zwischen den Ländern begründet. Im mittleren und oberen Qualitätsbereich sind die Unterschiede in der Managementqualität nicht mehr groß.

Wie können Unternehmen mit einem derart schlechten Management am Markt überhaupt überleben? Die Antwort ist zweiteilig: Solche Unternehmen sind in der Regel entweder in wettbewerbsschwachen Märkten tätig, von denen es in Europa mehr gibt als in den USA –oder aber es sind Unternehmen in Familienbesitz. Von letzteren gibt es in den drei europäischen Ländern mit 30 bis 40 Prozent etwa drei bis vier Mal so viele wie in den USA.

Familienbesitz alleine ist allerdings noch nicht das Problem. In Deutschland bedienen sich die meisten Eigentümerfamilien professioneller Unternehmenslenker von außen. Dagegen leiten in Frankreich und Großbritannien häufig Familienmitglieder die Geschäfte und auffallend oft übernimmt zudem der älteste Sohn die Nachfolge an der Unternehmensspitze. Das führen die Autoren auf eine normannische Tradition und erbschaftssteuerliche Gründe zurück.

Gerade die frühe Festlegung auf ein bestimmtes Familienmitglied als Unternehmenslenker ist nach den Ergebnissen der Ökonomen besonders problematisch. Zwar gibt es auch unter Familienbetrieben, die von den ältesten Söhnen geführt werden Top-Performer und viel Durchschnitt, aber der Anteil der Versager ist in dieser Gruppe besonders hoch.

In einer zweiten Studie untersuchten die Forscher, wie sich die Managementqualität auf die Arbeitsbedingungen der Beschäftigten auswirkt. Geht gutes Management im Sinne der Unternehmenseigner zu Lasten der Beschäftigten? Die Antwort ist ein klares Nein. Unternehmen, die im Sinne der Unternehmensberater gut gemanagt sind, sind nicht nur profitabler, sondern in aller Regel ermöglichen gerade diese Firmen ihren Beschäftigten eine bessere Balance zwischen Beruf und Privatleben.

Norbert Häring berichtet für das Handelsblatt über Wirtschaftswissenschaften. Quelle: Pablo Castagnola
Norbert Häring
Handelsblatt / Ökonomie-Korrespondent
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