Bezahlung
Wenn sich Ungleichheit rächt

"Gleicher Lohn für gleiche Arbeit" ist eine alte Forderung der Gewerkschaften. Warum das auch im Interesse der Arbeitgeber ist, erklären Ökonomen in einer neuen Studie.

LondonDie Lokführergewerkschaft GDL hat außerhalb ihrer Mitgliedschaft nicht viele Freunde. Die GDL will erstreiken, dass alle 26 000 Lokführer Deutschlands nach den gleichen Standards bezahlt werden. Gestrandete Fahrgäste sind genervt, Kritiker bezeichnen die Ansprüche als überzogen und rücksichtslos.

Eines aber kann den Gewerkschaftern niemand vorwerfen: dass sie sich nicht an den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen orientieren. Denn ein vierköpfiges Forscherteams um den Züricher Ökonomen Ernst Fehr zeigt in einer neuen Studie mit dem Titel "Social Comparison in the Workplace: Evidence from a Field Experiment": Beschäftigte reagieren höchst empfindlich, wenn sie weniger verdienen als Kollegen, die dasselbe leisten - und strengen sich deutlich weniger an.

Die Forscher haben für ihre Studie mit einer deutschen Werbefirma zusammengearbeitet. Das Unternehmen heuerte Verkäufer an, die an zwei aufeinanderfolgenden Wochenenden in Fußgängerzonen und Bars Eintrittskarten für Partys verkaufen sollten.

Die Verkäufer wussten nicht, dass sie an einer Feldstudie teilnahmen. Sie arbeiteten in Zweierteams und erhielten am ersten Wochenende einheitlich zwölf Euro Stundenlohn.

Am zweiten Wochenende veränderte der Arbeitgeber die Bezahlung: In einigen Teams verdienten beide Verkäufer nur noch neun Euro pro Stunde, in anderen Teams traf die Lohnkürzung nur einen der beiden Verkäufer. In einer dritten Gruppe arbeiteten die Verkäufer weiter für den vollen Lohn von zwölf Euro.

Die Ergebnisse fallen eindeutig aus: In den Teams, in denen der Stundenlohn bei beiden Verkäufern auf neun Euro sank, verkaufte jeder im Schnitt 15 Prozent weniger Karten. Wenn nur ein Team-Mitglied für weniger Lohn arbeitete, sank dessen Leistung um 34 Prozent - also um mehr als doppelt so viel wie bei der einheitlichen Lohnkürzung.

Die Ergebnisse legen nahe: "Der soziale Vergleich kann einen wuchtigen und großen Effekt auf das individuelle Verhalten haben", schreiben die Autoren.

Sie betonen, dass es sich bei dem sozialen Vergleich und der anschließenden Leistungsanpassung um einen kausalen Zusammenhang handelt - bislang waren Forscher außerhalb des Labors nicht in der Lage, Ursache und Wirkung so klar zuzuordnen.

Die traditionelle Volkswirtschaftslehre bringt das Resultat in Erklärungsnöte. Laut Standardannahme maximiert ein Beschäftigter stets seinen eigenen Profit - was die Kollegen verdienen, ist einem "Homo oeconomicus" egal. Unabhängig davon, ob er besser oder schlechter verdient als sein Partner, würde er sich bei einem bestimmten Lohnniveau immer gleich stark anstrengen.

Die Studie von Fehr und Co. liefert weitere empirische Belege dafür, dass dies in der Realität nicht der Fall ist. Tatsächlich haben Menschen eine grundsätzliche Abneigung gegen Ungleichheit. Nicht die absolute Höhe unseres Einkommens ist entscheidend - mindestens genauso wichtig ist der relative Status. Dafür sprechen auch Ergebnisse von US-Ökonomen, die in einer empirischen Studie feststellten: Beschäftigten, denen klar wird, dass sie viel weniger verdienen als unmittelbare Kollegen, schieben massiven Frust.

Wenn wir uns ungerecht behandelt fühlen, wehren wir uns. "Die Angestellten könnten den einseitigen Lohneinschnitt als feindlichen Akt der Firma deuten und konsequenterweise ihre Anstrengung verringern", schreiben Fehr und Co. Unsere Neigung, uns mit Kollegen und Mitmenschen zu vergleichen, kann daher für Unternehmen zu einem ernsthaften Problem werden.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%