Bundestag
Sind Deutschlands Politiker überbezahlt?

Von wegen lukrativ. Für die meisten Politiker wäre ein Wechsel in die Wirtschaft ein Minusgeschäft. Viele Abgeordnete verdienen deutlich mehr als Führungskräfte, zeigt eine neue Studie.

DüsseldorfSpätestens, als die Kanzlerin ihn nach der Bundestagswahl 2009 nicht ins Kabinett berief, war klar: In die politische Königsklasse wird Roland Koch nicht mehr aufsteigen. "Dann wenigstens in der ersten Gehaltsliga mitspielen", mag sich der damalige hessische Ministerpräsident gedacht haben. Koch warf sein Amt hin und wurde Vorstandschef des Baukonzerns Bilfinger Berger.

Nach Schätzungen verdient er dort 1,5 Millionen Euro im Jahr - rund siebenmal mehr vorher.

Ein Beleg dafür, dass man in der freien Wirtschaft deutlich mehr Geld machen kann als in der Politik? Keineswegs, zeigen aktuelle Forschungsergebnisse. Das Beispiel Koch ist die große Ausnahme.

Gemessen an ihren Qualifikationen sind Politiker in Deutschland im Vergleich zur freien Wirtschaft generös bezahlt, stellt ein dreiköpfiges Forscherteam des Bonner Instituts zur Zukunft der Arbeit (IZA) fest: Der durchschnittliche Bundestagsabgeordnete verdient im Jahr 106 000 Euro - rund zwanzig Prozent mehr, als wenn er mit der gleichen Ausbildung und Qualifikationen eine Führungsaufgabe in der freien Wirtschaft hätte.

Der entscheidende Grund für diese Gehaltsunterschiede sind nicht die Abgeordnetendiäten, sondern die Nebeneinkünfte der Politiker, die 20 Prozent und mehr der Politiker-Verdienste ausmachen, lautet das Ergebnis der Studie mit dem Titel "The Politicians' Wage Gap: Insights from German Members of Parliament".

Die IZA-Forscher Andreas Peichl, Nico Pestel und Sebastian Siegloch haben die Gehälter von knapp 600 Parlamentariern unter die Lupe genommen, die zwischen 2005 und 2009 im Bundestag saßen.

Um zu beurteilen, ob ein Politiker angemessen bezahlt wird, haben die Forscher analysiert, was Menschen mit vergleichbarer Ausbildung, Alter und Berufserfahrung in der freien Wirtschaft verdienen.

Grundlage dafür waren Daten einer repräsentativen Langzeitstudie des DIW Berlin, das seit 1983 jährlich mehr als 11 000 Haushalte detailliert befragt - dieses sogenannte Sozio-oekonomische Panel (SOEP) liefert ein repräsentatives Abbild der Bevölkerung.
Für jeden Bundestagsabgeordneten suchten die Forscher in den SOEP-Daten nach Menschen, die dem Politiker mit Blick auf Alter, Berufsausbildung und sonstigen Qualifikationen möglichst ähnlich sind - die Forscher sprechen von "statistischen Zwillingen".
Betrachtet man nur die Abgeordneten-Diäten, dann verdienen Politiker ähnlich gut wie Führungskräfte in der freien Wirtschaft. Zusammen mit ihren Nebeneinkünften stehen sie finanziell sogar ein ganzes Stück besser da - sie gehören damit zu den am besten bezahlten fünf Prozent der Bevölkerung.

Einiges spricht dafür, dass die IZA-Studie die tatsächlichen Verdienste der Politiker noch unterzeichnet - die Pensionsansprüche, für die Abgeordnete anders als Selbstständige und Angestellte keine Beiträge zahlen müssen, klammern die Ökonomen aus.
Handfeste Argumente für die immensen Lohndifferenzen gibt es nicht, so die Forscher. Zwar arbeiten Parlamentarier im Schnitt 50 bis 70 Stunden pro Woche, Führungskräfte stehen ihnen dabei mit durchschnittlich 55 Wochenstunden kaum nach.
Auch die Unannehmlichkeiten, die das Politikerleben mit sich bringt - der Verlust der Privatsphäre und die Gefahr, nicht wiedergewählt zu werden -, können die Gehaltsdifferenzen nicht erklären. Schließlich bringt das Politikerdasein auch viele Vorzüge mit sich - zum Beispiel Entscheidungsmacht..

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