Einfluss von Demonstrationen
Erfolgreiche Straßenpolitik

Welchen Einfluss haben Demonstrationen auf die politische Entscheidungen? Ein Forscherteam um den Harvard-Ökonomen Stan Veuge ist dieser Frage auf den Grund gegangen - mit bemerkenswerten Ergebnissen.
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KölnEs war eine der größten Demonstrationen, die Frankfurt in den vergangenen Jahren erlebt hat: Mehr als 20.000 Menschen aus ganz Europa gingen am vergangenen Samstag gegen Banken und Sparpolitik auf die Straße. Monatelang hatten Kapitalismuskritiker zuvor vor der EZB kampiert.

Doch haben Demonstrationen überhaupt einen Einfluss auf die Politik? Ein Forscherteam um den Harvard-Ökonomen Stan Veuge hat diese Frage empirisch untersucht. Sein Ergebnis dürfte die „Blockupy“-Demonstranten freuen. Wenn genug Leute auf die Straße gehen, beeinflussen sie damit in der Regel Entscheidungen von Politikern, stellt der Forscher fest.

Die Wirkung von Protesten zuverlässig zu messen, ist eine knifflige Aufgabe - Ursache und Wirkung lassen sich oft nicht genau voneinander trennen. Um das Problem zu lösen, entwickelten die Wissenschaftler ein cleveres Forschungsdesign: Sie analysierten den Aufstieg der erzkonservativen Tea-Party-Bewegung in den USA, der mit Großdemonstrationen am 15. April 2009 begann. Nicht überall in den USA waren die Kundgebungen gleich gut besucht - unter anderem deswegen, weil es in manchen Städten regnete, in anderen aber die Sonne schien.

Dieser zufällige Faktor sorgte dafür, dass in Orten mit identischer Bevölkerungsstruktur und ähnlichem Wahlverhalten die Protestzüge unterschiedlich lang waren. Für die Ökonomen perfekte Forschungsbedingungen - fast wie in einem Laborexperiment konnten sie untersuchen, welche Folgen die Demonstrationen auf die Politik hatten.

In Orten, in denen es regnete und weniger Menschen demonstrierten, hatte die Tea Party noch Monate später einen schweren Stand, stellten die Forscher fest. Wo hingegen die Sonne schien, nahm die Bewegung deutlich schneller Fahrt auf: Auch zu den folgenden Demos kamen mehr Leute, es flossen üppigere Spenden und die Tea Party erhielt mehr Aufmerksamkeit von den Medien. Außerdem bekannten sich mehr Menschen in sozialen Netzwerken zu der Protestbewegung.

Und die Straßenproteste beeinflussten auch die Politik, stellten die Forscher fest: Abgeordnete aus Regionen, in denen am 15. April die Sonne geschienen hatte, stimmten später im Repräsentantenhaus deutlich konservativer ab als Kollegen aus verregneten Landstrichen. Selbst bei der Kongresswahl 2010 war der Einfluss der Straßenproteste noch messbar: Jeder zusätzliche Demonstrant brachte den Republikanern bis zu 15 zusätzliche Stimmen.

Die Forscher vermuten, dass gut besuchte Proteste vor allem unentschlossene Wähler beeinflussten - und diese dann später häufiger die Republikaner wählten. „Außerdem hat die große Beteiligung an den Demonstrationen die Aktivisten vermutlich euphorisiert und zu eifrigeren Missionaren gemacht“, sagt Harvard-Ökonom Veuger. Daher sein klarer Rat an alle unzufriedenen Bürger: Plakate malen und auf zur Demo. Denn auch in Zeiten von Facebook und Twitter gelte: „Nichts ist so wirkungsvoll wie die direkte Kommunikation auf der Straße.“

Download der kompletten Studie: www.handelsblatt.com/link

Frederic Spohr
Frederic Spohr
/ Auslandskorrespondent

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  • Demonstrationen auf der Straße zeugen von einer lebendigen Demokratie. Manchmal hat man allerdings den Eindruck, dass sich die Politik mitnichten davon beeindrucken lässt, im Gegenteil, die Fronten verhärten sich, die Politiker werden widerborstig und versuchen ihre Ideen nach dem Motto, jetzt erst recht, mit Macht durchzusetzen.
    Ganz übel finde ich, wenn der Politik die Argumente ausgehen, den Spruch, wenn es dir hier nicht passt, dann wandere doch aus...

  • Ich würde ja gerne mal gegen die Rentenpolitik demonstrieren.

    Mit 67 oder 70 in Rente, das ist Blödsinn.
    Stattdessen würde ich lieber Steuern auf computer, roboter und automaten erheben wollen, die ja letztendlich rentenzahlende Arbeiter abgelöst haben und in Zukunft noch sehr viele ablösen werden.

    Das Dumme ist nur, daß ich dafür -selbst bei schönem Wetter- keine nenneswerte Anzahl von Mit-Demonstranten finde.

  • der link zur studie geht nicht

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