Finance
Studie: Bankenfusionen führen zu mehr Kriminalität

Die polnische Regierung und die deutschen Sparkassen bekommen in der Debatte um das Für und Wider von Banken-Fusionen Argumentationshilfe aus den USA. Zwei amerikanische Professoren angesehener Business-Schools zeigen in einer Studie, die im April in der renommierten Fachzeitschrift „Journal of Finance“ erscheint: Eine zu große Konzentration im Bankensektor hat erhebliche negative Folgen für die Wirtschaft. Die Untersuchung belegt: Zu wenig Wettbewerb im Finanzsektor beschert den betroffenen Regionen darüber hinaus spürbare nicht-ökonomische Probleme. „Unvollkommenheiten auf den Kreditmärkten können erhebliche wirtschaftliche und soziale Nebenwirkungen haben“, lautet das Fazit von Mark Garmaise (UCLA Anderson School of Management) und Tobias Moskowitz (Chicago Graduate School of Business).

Die Studie verheißt Deutschland nichts Gutes. Denn der heimische Bankensektor steht vor einer massiven Konsolidierungswelle: Branchenexperten rechnen pro Jahr mit zehn bis 15 Fusionen von Sparkassen. Die Privatbanken werben in der Politik dafür, ihnen die Möglichkeit zu eröffnen, Sparkassen zu übernehmen. Auch im Nachbarland Polen ist die Marktstruktur im Bankensektor ein heißes Eisen: Im Zuge der Übernahme der Hypo-Vereinsbank durch Unicredito stehen dort die Banken Pekao und BPH vor der Verschmelzung. Wenn die bislang zum italienischen bzw. zum deutschen Geldhaus gehörenden Banken fusionieren, entstünde die größte Bank Polens mit einem Marktanteil von 20 Prozent. Die Regierung des Landes will dies verhindern und liegt daher im Clinch mit der EU-Kommission.

Die beiden Finance-Experten zeigen am Beispiel der USA: Eine starke Banken-Konzentration hat zur Folge, dass sich die Kreditkonditionen für Unternehmen spürbar verschlechtern. Dies belastet in den betroffenen Regionen die wirtschaftliche Entwicklung – und treibt sogar messbar die Kriminalitätin die Höhe.

Für ihre aufwendige Untersuchung haben die beiden Autoren viele Datenquellen angezapft: Ausgangspunkt war eine private Datenbank mit Detailinformationen zu gewerblichen Immobiliengeschäften. Für 23 000 Transaktionen kannten die Wissenschaftler die genaue Lage der Objekte, die Höhe des Kaufpreises und die Details der Finanzierung. Diese Daten aus elf US-Bundesstaaten haben sie mit Zahlen zur wirtschaftlichen und sozialen Lage der jeweiligen Region verknüpft, mit detaillierten, lokalen Kriminalitätsstatistiken und mit Informationen zur Struktur, Wettbewerbsintensität und Fusionen auf dem jeweiligen regionalen Kreditmarkt.

So können die Wissenschaftler eine komplexe Wirkungskette offen legen. In Städten und Regionen, in denen es durch Bankenfusionen zu einer starken Konzentration im Finanzsektor kam, verschlechterten sich zunächst die Konditionen für Unternehmenskredite spürbar. Dort, wo die Zahl der Anbieter durch Fusionen deutlich zurückging, verteuerten sich im Umkreis Kredite um bis zu fünf Prozent. Der durchschnittliche Zinssatz stieg um 40 Basispunkte von 8,1 auf 8,5 Prozent. Zudem wurde es schwieriger, sich überhaupt Geld zu leihen – das Kreditvolumen schrumpfte um bis zu 2,5 Prozent.

Das hatte negative Folgen für die lokale Wirtschaft: In den Folgejahren waren Immobilienpreise und Bauinvestitionen geringer, die Lage auf dem Arbeitsmarkt verschlechterte sich. Obendrein verschob sich die Sozialstruktur: Wohlhabende Familie zogen weg, ärmere Haushalte folgten nach. Dadurch sank das durchschnittliche Haushaltseinkommen um bis zu 3,9 Prozent.

Im Zuge des wirtschaftlichen Niedergangs stieg dann die Kriminalität. So erhöhte sich das Risiko von Einbrüchen und anderer Eigentumsdelikte signifikant. Die Autoren schätzen: Zwischen 1995 und 2000 hätten in den USA 24 000 Eigentumsdelikte verhindert werden können, wenn die Wettbewerbsintensität im Bankensektor zuvor nicht abgenommen hätte. Besonders stark waren all diese Negativ-Effekte in Regionen, die ohnehin wirtschaftliche Schwierigkeiten haben und in denen es schon vorher wenig Bankenwettbewerb gab.

Aber was ist bei dem beobachteten Zusammenhang zwischen Bankenfusionen und Kriminalität Ursache und was Wirkung? Garmaise und Moskowitz gehen dieser Frage mit großer Akribie nach. Denn theoretisch wäre es möglich, dass die Probleme einer Region nicht Folge, sondern Auslöser für Bankenfusionen und schlechtere Kreditkonditionen sind. Um die Möglichkeit einer solchen umgekehrten Kausalität auszuschließen, betrachteten die Forscher nur Zusammenschlüsse großer und wirtschaftlich gesunder Kreditinstitute mit Bilanzsummen von mehr als einer Milliarde Dollar. „Die Fusionen von Banken mit einer solchen Größer sind nicht dadurch getrieben, dass sich in bestimmten Gegenden die wirtschaftlichen Bedingungen zu verschlechtern drohen“, so die Autoren.

Die Ökonomen fordern keineswegs, Bankenfusionen generell zu untersagen. Nicht in jedem Fall habe ein Zusammenschluss negative Folgen. Die Bankenaufsicht solle aber einige Fälle genauer prüfen – insbesondere Zusammenschlüsse, die zu mehr Marktmacht führen in Regionen, die wirtschaftlich angeschlagen sind. Der konkrete Rat für die Bankenaufsicht: „Bei der Beurteilung der Folgen einer Bankenfusion sollte nicht nur die Banken-Konzentration auf den betroffenen Märkten betrachtet werden, sondern auch die dortige soziale Stabilität.“

Download der kompletten Studie "Bank mergers and crime: The Real and Social Effects of Credit Market Competition".

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