Finance
Von Hütchenspielern, Firmenlenkern und Börsianern

Würden Sie auf dem Berliner Alexanderplatz bei einem jugoslawischen Hütchenspieler 50 Euro setzen, wenn Sie beobachten, dass andere Spieler dabei gewinnen und gutes Geld kassieren? Besser nicht. Denn möglicherweise geht dabei nicht alles mit rechten Dingen zu, weil Gewinner und Hütchenspieler unter einer Decke stecken. Arglose Passanten werden von den Hütchenspielern stets übers Ohr gehauen. Blindes Vertrauen führt also zu einer krassen Fehlinvestitionen, Argwohn dazu, dass es zu gar keinem Geschäft kommt.

Das Beispiel zeigt: Vertrauen in Akteure und Institutionen ist für wirtschaftliche Transaktionen überaus wichtig. Erstaunlicherweise haben sich Wirtschaftswissenschaftler bis vor kurzem aber kaum damit beschäftigt – in ihren traditionellen Modellen war für so „weiche“ Themen kein Platz. Inzwischen haben Ökonomen jedoch bemerkt: Menschen sind längst nicht so rational, wie es die Wissenschaft gemeinhin unterstellt. Daher rückt das Thema Vertrauen zunehmend ins Zentrum ökonomischer Forschung.

So haben die drei Ökonomen Luigi Guiso, Paola Sapienza und Luigi Zingales, die an renommierten amerikanischen Business-Schools arbeiten, in einer jüngst veröffentlichen Untersuchung belegt: Für das Funktionieren von Aktienmärkten ist das Vertrauen, das potenzielle Anleger anderen Menschen im Allgemeinen und Unternehmen im Besonderen entgegenbringen, von entscheidender Bedeutung. Egal, ob man erwägt, Aktien zu kaufen oder darüber nachdenkt, bei einem Hütchenspiel mitzumachen – die Überlegungen sind im Prinzip die Gleichen. Auf beides lässt man sich nur ein, wenn man daran glaubt, nicht betrogen zu werden. „Für die Entscheidung, Aktien zu kaufen, braucht man nicht nur eine Einschätzung über den erwarteten Ertrag und das Risiko, sondern auch den Glauben daran, dass die Informationen verlässlich sind und dass das Gesamtsystem fair ist“, heißt es in der Studie.

Auf den ersten Blick kommen diese Erkenntnisse fast etwas trivial daher. Für das Verständnis von Finanzmärkten leiten sich daraus aber wichtige Erkenntnisse ab. Bislang konnten Ökonomen nämlich nicht schlüssig erklären, warum sich die Aktionärsquoten in verschiedenen Industrieländern so enorm unterscheiden. Während zwei Drittel aller Schweden und jeder zweite US-Amerikaner direkt oder indirekt Aktien besitzen, gilt das gleiche nur für jeden fünften Deutschen. In Italien und Österreich sind sogar jeweils weniger als zehn Prozent der Menschen an der Börse aktiv.

Traditionell versuchten Finanzmarkt-Forscher diese Differenzen mit den Transaktionskosten zu erklären, die von Land zu Land unterschiedlich hoch sind. Diese Argumentation hat allerdings einen Schönheitsfehler: In zahlreichen Ländern machen auch Menschen mit hohem Einkommen einen Bogen um die Börse – obwohl Depotgebühren und Händlerprovisionen für sie nicht ins Gewicht fallen dürften.

In der Studie zeigen die Finanzmarkt-Forscher anhand zahlreicher Daten, dass der Faktor Vertrauen für die unterschiedliche Aktienkultur eine zentrale Rolle spielt. So haben zum Beispiel nur 7,2 Prozent aller Amerikaner und gerade einmal sechs Prozent aller Schweden überhaupt kein Vertrauen in große Unternehmen – in Deutschland und Italien sind es dagegen mehr als 17 Prozent. Noch extremer sind die Unterschiede bei überdurchschnittlich wohlhabenden Menschen: In Schweden glauben nur zwei Prozent der Reichen nicht an die Ehrlichkeit von Unternehmern – in Italien sind es 29 Prozent. Kein Wunder, dass in Schweden nur vier Prozent der Wohlhabenden von Aktien die Finger lassen, in Italien dagegen 35 Prozent.

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