Finanzkrise
Die Spur des Geldes

Der Kollaps des Finanzsystems hat die meisten Experten kalt erwischt. Doch hätten sie die Finanzströme in der Wirtschaft genauer im Blick gehabt, hätten sie die Risiken erkennen können, zeigt eine Studie von englischen Notenbank-Ökonomen.
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Es schien, als hätte Mitte der achtziger Jahre ein neues wirtschaftliches Zeitalter begonnen - eine goldene Ära mit hohem und stabilem Wirtschaftswachstum, mit niedriger Inflation und geringer Arbeitslosigkeit. "Great Moderation" haben Volkswirte die neue Epoche genannt. Starke Konjunkturschwankungen nach oben und unten, die seit der Industriellen Revolution den Kapitalismus geprägt hatten, schienen endgültig der Vergangenheit anzugehören.

Doch die Zeit der großen Mäßigung endete mit einem lauten Knall: Von 2007 bis 2009 erlebte die Welt die schlimmste Krise seit der Großen Depression.

Warum hatte vorher kaum jemand etwas gemerkt? Hätte man die Instabilitäten des Finanzsystems überhaupt früher erkennen können? Diesen Fragen sind zwei Volkswirte der Bank of England nachgegangen. Richard Barwell und Oliver Burrows haben in einer akribischen Fleißarbeit die kompletten Einkommens- und Vermögensströme der britischen Wirtschaft für die Jahre von 1994 bis 2007 ausgewertet.

Die Studie mit dem Titel "Growing Fragilities? Balance Sheets in the Great Moderation" ist eine Generalbilanz - ein ganzheitlicher Blick auf die Finanzverflechtungen zwischen Haushalten, Unternehmen, Banken und dem Rest der Welt, wie es ihn zuvor nicht gegeben hat.

Die Ökonomen betrachten die Verschuldung der privaten Haushalte und ihr Vermögen, die Kreditvergabe und die Refinanzierungsstrukturen der Banken, die Aktien- und Immobilienmärkte und die Leistungsbilanz. Erst diese Gesamtschau offenbart, auf welch tönernen Füßen Wirtschaft und Banken vor Ausbruch der Krise standen.

So hatten sich die Privathaushalte zwischen 2001 und 2007 stolze 782 Milliarden Pfund bei den Banken geliehen. Die privaten Spareinlagen dagegen waren mit 370 Milliarden Pfund noch nicht einmal halb so hoch. Das zwang die Geldinstitute, sich 412 Milliarden Pfund auf anderen Wegen zu besorgen. Einen Großteil davon beschafften sie sich aus dem Ausland - mit komplexen, kurzfristig laufenden Finanzinstrumenten, die die Banken zu permanenter Refinanzierung zwangen.

Zugleich waren die Immobilienpreise drastisch gestiegen, das britische Leistungsbilanzdefizit war deutlich gewachsen, und der Finanzsektor hatte sich massiv aufgebläht: "Die Hälfte der Expansion der britischen Bankbilanzen entstand durch Aktivitäten in anderen Ländern", heißt es in der Studie. Zudem seien die Vermögenspositionen innerhalb des Finanzsektors vor der Krise überproportional stark gestiegen.

Bislang hätten Volkswirte den Fehler gemacht, all diese Phänomene isoliert zu betrachten. "Dann erscheinen die damit verbundenen Gefahren gering", schreiben die Volkswirte. So sei zwar klar gewesen, dass die Verschuldung der Haushalte nicht auf Dauer stärker wachsen kann als ihr Einkommen. Doch dies wurde nicht als unmittelbares Problem angesehen, solange der Immobilienmarkt stabil blieb. Voraussetzung dafür war aber, dass die Banken immer mehr neue Kredite vergaben. Doch wegen der kurzfristigen Finanzierungsstruktur der Geldinstitute funktionierte dies nicht auf Dauer - genau diesen Zusammenhang haben die meisten Volkswirte übersehen. "Hätte man verstanden, dass die einzelnen Trends zusammenhängen, wäre klarer gewesen, dass eine Korrektur unvermeidlich ist", heißt es in der Studie. Daher will die Notenbank künftig alle drei Monate die Daten über die Finanzströme aktualisieren. "Damit können wir die Geschichten, die wir über die Wirtschaft und das Finanzsystem erzählen, auf ihre Plausibilität prüfen."

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  • Shalom i Spiritui Sancto Vatikan:Nun man entschied sich für den Schizoiden,Schwulen,Viren,Giftgas,Gestapo,Kapital-Sekten weg und hat den Zukunftweg von Waigel,Blüm,Kohl Verworfen.Keine Staatliche Kernenergie,kein Strafzoll(China etc.)kein Hightech Hochlohn Europa,kein Ausgleich Innerhalb Europas,keine Vollbeschäftigung durch Arbeitszeitreduzierung und Rentenalter Herabsetzung.Fazit:Europa geht mit Seinem Euro Unter und wer darüber Überrascht ist,muss ein Traumtänzer sein.

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