Finanzmarkt
Wie Fußballspiele die Börse beeinflussen

Umberto Eco nannte ihn „einen der am weitesten verbreiteten religiösen Aberglauben unserer Zeit“. Fußball beeinflusst nationale Stimmungen wie kaum etwas anderes – und damit auch die Wirtschaft. Drei Ökonomen haben untersucht, welchen Einfluss große Sportereignisse konkret auf die Aktienkurse haben. Und sie zeigen: Vor allem Fußball-Länderspiele beeinflussen messbar die Kurse – vor allem die K.O.-Spiele bei einer WM, wie sie im Sommer in Deutschland stattfindet.

1 100 bedeutende Fußball-Spiele seit 1973 haben Alex Edmans von der Sloan School of Management des MIT, Diego Garcia von der Tuck School of Business in Dartmouth und Oyvind Norli von der Norwegian School of Management für 39 Länder ausgewertet. Sie ermittelten: Am Tag nach einer Niederlage des heimischen Nationalteams in einem solchen Ausscheidungsspiel fielen die Aktienkurse um 0,38 Prozent niedriger aus, als im Durchschnitt zu erwarten gewesen wäre. Für Länder, in denen Fußball keine so große Rolle spielt, wiesen sie in einer Analyse von 1 500 weiteren Sportereignissen ähnliche, aber schwächere Effekte für Cricket, Rugby, Eishockey und Basketball nach.

Die Studie schließt an eine ganze Reihe von Untersuchungen an, die sich mit psychologischen Einflüssen auf die Finanzmärkte beschäftigen. Eine Gruppe von Arbeiten belegte den Einfluss kontinuierlicher Faktoren wie Sonnenscheindauer, Tageslicht, Temperaturen und gar Mondphasen auf die Stimmung von Anlegern und damit auf Börsenkurse. Eine andere Gruppe beschäftigte sich mit den Folgen punktueller Ereignisse wie Feiertagen und der Umstellung von Sommer- auf Winterzeit.

Wenn diese Faktoren das Anlegerverhalten beeinflussen, liegt es sehr nahe, dass Sportereignisse das auch vermögen. Schließlich haben Forscher schon nachgewiesen, dass die Zahl der Herzinfarkte in England in den drei Tagen nach der Niederlage gegen Argentinien bei der WM 1998 um ein Viertel höher lag als normalerweise.

Interessant ist: Nur Niederlagen üben einen statistisch signifikanten Einfluss auf die Aktienkurse aus. Siege verleihen der Börse keinen nachweisbaren Schub. Diese Diskrepanz begründen die Autoren mit der Psychologie. Ein Volk hegt in der Regel unrealistische Erwartungen an die Leistungsfähigkeit seiner Mannschaft. Als Beleg dafür führen sie an, dass Meinungsumfragen systematisch eine höhere Zuversicht in den Sieg des eigenen Teams spiegeln als die Quoten der Buchmacher. Ein Sieg bestätigt also die Erwartungen der Mehrheit und ist quasi schon in den Kursen enthalten. Eine Niederlage hingegen kommt per se unerwartet und drückt Stimmung wie Kurse. Außerdem bringt in internationalen Ausscheidungsspielen ein Sieg die Mannschaft eine Stufe weiter, eine Niederlage aber beendet für sie den Wettbewerb – sie ist also objektiv folgenreicher.

Wie genau wirkt aber die Niederlage in einem wichtigen Spiel auf die Börse? Kalkulieren die Börsianer rational die Verluste, die Fanartikel-Händlern, T-Shirt-Nähern und Gastwirten sowie der gesamten Volkswirtschaft durch Konsumunlust und Produktivitätsrückgänge entstehen, wenn die Nationalmannschaft bei der WM ausscheidet.

Nein, sagen die drei Forscher. Diese zweifellos vorhandenen Effekte rechtfertigen nicht, dass bei einer Niederlage des englischen Teams in London fast zehn Milliarden Euro Börsenwert vernichtet würden. Die Tatsache, dass der Kurseffekt bei einer Niederlage 13-mal so hoch sei wie bei einem Sieg zeige: Von einer nüchternen Abwägung könne keine Rede sein.

Die Kursverluste werden auch nicht etwa dadurch überzeichnet, dass frustrierte Börsianer am Tag nach der Niederlage die Köpfe hängen lassen statt zu handeln. Die Autoren ermittelten, dass die Börsenumsätze an diesen Tagen nicht niedriger sind als gewöhnlich. Manch ein Händler stürzt sich also womöglich in seine Arbeit, um die sportliche Enttäuschung zu verdrängen und um sich durch Erfolge bei der Arbeit für die sportlichen Misserfolge zu entschädigen. Die Kursverluste müssen also tatsächlich rein psychologisch bedingt sein und einfach eine negativere Sicht auf die Zukunft spiegeln, folgern sie.

Einen interessanten Effekt gibt es allerdings noch: Die Kursverluste betreffen Aktien kleinerer Unternehmen stärker als die Blue Chips. Das führen die Autoren darauf zurück, dass weniger liquide und kaum von Analysten beobachtete Small Caps von großen internationalen Anlegern wenig beachtet werden. Sie liegen zum größten Teil in Händen nationaler Anleger und leiden damit stärker unter dem Fan-Frust. Die drei Wissenschaftler wollen ihre Studie nicht als Handlungsempfehlung für Anleger verstanden wissen. Aber ein paar interessante Anregungen für Börsianer für die Tage nach den entscheidenden WM-Spieltagen dürfte sie doch enthalten. Wenn sie dann nicht zu frustriert sind.

Dirk Hinrich Heilmann
Dirk Heilmann
Handelsblatt / Chefökonom
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