Freihandel
Die Globalisierung am Beispiel von Krustentieren

Theoretisch ist die Sache schon seit 188 Jahren geklärt: Freihandel schafft für alle Beteiligten Wohlfahrtsgewinne, zeigte der britische Nationalökonom David Ricardo bereits 1817 in seinem berühmten Buch „On the Principles of Political Economy and Taxation“, in dem er erstmals das Konzept der komparativen Kostenvorteile beschrieb.

Trotzdem müssen Forschritte beim Abbau von Handelshemmnissen mühsam und langwierig erstritten werden. Jüngster Beleg ist der Verhandlungspoker vor der Mitte Dezember in Hongkong stattfindenden Welthandelskonferenz. Eine neue Studie zeigt jetzt: Selbst Länder, die ihre Handelsschranken abgebaut haben, können durch den Protektionismus anderer Staaten dazu gebracht werden, ihrerseits wieder Handelsschranken einzuführen. Methodische Probleme hatten bisher verhindert, dass Wissenschaftler die Wirkung von Zöllen auf Güterangebot und Preise in Drittländern isolieren konnten. Als einer der ersten Volkswirte ist Peter Debaere, Assistenz-Professor an der Universität Texas, daran gegangen, dieses Defizit zu beseitigen.

Am Beispiel des Weltmarktes für Shrimps zeigt er auf: Die EU schneidet sich durch ihre Einfuhrzölle auf Agrarprodukte nicht nur ins eigene Fleisch, weil Verbraucher höhere Preise zahlen müssen. Debaere gelingt zudem der Nachweis, dass in den USA das Shrimps-Angebot in Folge der europäischen Zollpolitik kräftig stieg, und die Preise deutlich sanken. Das brachte den amerikanischen Konsumenten Wohlfahrtsgewinne. Doch die Entwicklung machte den US-Produzenten von Shrimps so sehr zu schaffen, dass auch in den USA der Protektionismus wieder Einzug hielt und asiatische Shrimps neuerdings mit Importzöllen belegt werden.

Der globale Shrimps-Markt eignet sich fast idealtypisch dafür, die Wirkungen von Handelshemmnissen exemplarisch zu untersuchen. Denn das Krabben-Geschäft ist hochgradig globalisiert: Fast 80 Prozent der weltweiten Shrimps-Produktion erfolgt in Schwellen- und Entwicklungsländern wie Thailand, China und Vietnam. 60 Prozent der Krabben werden jedoch in den USA, Europa und Japan konsumiert.

Die EU hob ab 1997 die Import-Zölle auf Shrimps aus Thailand, dem weltweit führenden Exporteur der Krustentiere, an – das Land hatte seinen zuvor gewährten Meistbegünstigungsstatus verloren. In den Jahren danach führte die EU zudem strenge Import-Kontrollen ein, um europäische Verbraucher vor asiatischen Shrimps mit Antibiotika-Rückständen zu schützen. Die USA erhoben dagegen bis Ende 2002 keine Importzölle auf die Krustentiere und hatten in Bezug auf die Antibiotika-Rückstände laxere Vorschriften.

Um die Folgen dieser Politik zu untersuchen, beschaffte sich der Ökonom von Statistik- und Zollbehörden detaillierte Daten über die Angebotsmengen, Einfuhrzölle und Preise für Shrimps in den USA und Europa. Die akribische Analyse der Statistiken zeigt: Die EU-Handelspolitik führte zu massiven Verwerfungen auf dem globalen Markt für Schalengetier. Die thailändischen Krabbenzüchter exportierten ihre Produkte, auf die sie in Europa deutliche höhere Einfuhrzölle hätten entrichten müssen, stärker in die USA. In Amerika führte dies zu einem massiv steigenden Angebot, das einen Preisverfall für Krabben zur Folge hatte.

Wechselkursbereinigt waren Shrimps 1996 – also vor der Wende in der EU-Handelspolitik – in den USA rund 20 Prozent teurer als in Europa. Seither ist der Preis in den USA im Trend kontinuierlich gefallen, inzwischen sind Shrimps in den USA billiger als in Europa. Mit modernen ökonometrischen Methoden gelingt Debaere der Nachweis, dass tatsächlich die EU-Handelspolitik – und nicht andere Faktoren, die zufällig zur gleichen Zeit wirkten – für den Preisverfall verantwortlich waren. „Die Handelspolitik in Europa bereitete den Boden für das Anti-Dumping-Verfahren gegen Shrimpsimporteure in den USA“, lautet sein Fazit.

Wenn Sie demnächst in Ihr Krabbenbrötchen beißen, können Sie aus all dem zwei Schlüsse ziehen: Freuen Sie sich erstens, dass Ricardo Recht hatte und der internationale Handel ihren Lebensstandard erhöht. Ärgern Sie sich zweitens, dass Sie wegen der Importzölle für ihr Krabbenbrötchen zu viel bezahlen mussten.

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