Gesundheitsrisiko Wachstum
Warum der Aufschung 873 Deutschen das Leben kostet

Im Aufschwung sterben mehr, in der Rezession weniger Menschen - das ist das Ergebnis einer neuen Untersuchung eines amerikanischen Wirtschaftswissenschaftlers. Vor allem die Zahl der Herzinfarkte steigt im Boom deutlich an.
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GREENSBORO. Endlich! Der Aufschwung kommt. In den deutschen Unternehmen ist die Stimmung so gut wie seit 15 Jahren nicht mehr, die Exporte boomen, die Auftragsbücher sind gut gefüllt. Nach den gängigen Prognosen wächst die deutsche Wirtschaftsleistung 2006 mit bis zu zwei Prozent, und die Zahl der Arbeitslosen dürfte spürbar sinken.

Doch so positiv die Konjunktur-Erholung auch ist, einigen hundert Deutschen kostet sie womöglich das Leben. Der amerikanische Gesundheitsökonom Christopher Ruhm, der an der Bryan School in Greensboro (North Carolina) lehrt, hat in mehreren aufwändigen empirischen Studien gezeigt: Zwischen Wirtschaftswachstum und Sterblichkeit besteht ein eindeutiger Zusammenhang. Im Aufschwung sterben mehr,in der Rezession weniger Menschen.

Vor allem die Zahl der Herzinfarkte nimmt in konjunkturellen Hochzeiten deutlich zu, lautet das Ergebnis einer   im März veröffentlichten Studie. In der Untersuchung hat Ruhm für die 20 größten US-Bundesstaaten und die Jahre 1979 bis 1998 die Statistiken über Todesursachen analysiert.

Ein oberflächlicher Blick auf die Statistiken suggeriert dabei zunächst einen ganz anderen Zusammenhang:Seit Anfang der achtziger Jahre ist die US-Arbeitslosenquote von acht auf fünf Prozent gesunken, zugleich reduzierte sich die Zahl der Herzinfarkt-Toten um 44 Prozent. Allerdings ist nicht die wirtschaftliche Entwicklung der Grund für diesen generellen Rückgang, sondern der medizinisch-technische Fortschritt: Seit Anfang der achtziger Jahre hat die Pharma-Industrie neue Herz-Kreislaufmedikamente entwickelt, und auch die Operationsmethoden haben sich weiterentwickelt. Hinzu kommt, dass die Zahl der Raucher deutlich gesunken ist.

Mit modernen ökonometrischen Methoden gelang es Ruhm dabei, den Zusammenhang zwischen gesamtwirtschaftlichen Rahmendbedingungen und Herzinfarkt-Todesfällen offen zulegen. Um die Bedeutung makroökonomischer Faktoren zu isolieren, analysierte der Ökonom nicht die nationalen Statistiken, sondern die Zahlen nach Bundesstaaten. "Der entscheidende Vorteil dieses Vorgehens ist, dass die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen in den Bundesstaaten unterschiedlich ausfallen", betont er. Dass auch der medizinisch-technische Fortschritt in einzelnen US-Regionen unterschiedlich verlaufe, sei dagegen wenig plausibel.

Ruhms Ergebnis ist eindeutig: "Wenn die Arbeitslosenquote in einem Bundesstaat um einProzent sinkt, steigt die Zahl der Todesfälle aufgrund von Herzinfarkten um 1,3 Prozent." Überproportional stark erhöht sich das Risiko für die 20- bis 65-Jährigen, die noch voll im Erwerbsleben stehen. Sollte der für die USA beobachtete Zusammenhang auch hier zu Lande gelten, folgt daraus: Bei einem einprozentigen Rückgang der Arbeitslosenquote, sterben 873 Deutsche zusätzlich an einem Herzinfarkt.

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