Gewalt an Schulen
Wer länger in die Grundschule darf, der prügelt sich weniger

Kinder, die früher von der Grundschule in die nächste Schulform wechseln, sind mit einer höheren Wahrscheinlichkeit verhaltensauffällig, zeigt eine neue Studie von Bildungsforschern.

Die Berliner Rütli-Schule ist zum Synonym geworden für Gewalt an deutschen Schulen. An der Neuköllner Hauptschule waren die Lehrer wegen der aggressiver Schüler so verzweifelt, dass sie öffentlich um Hilfe riefen. Was sind die Ursachen für diese Gewalt? Neben den üblichen Verdächtigen, hat ein Forscherteam aus den USA einen Auslöser ausgemacht, an den bisher kaum jemand denkt: Der frühe Übergang von der Grundschule in die nächste Schulform. Der Wechsel scheint Kinder stark zu belasten und einige aus dem Gleichgewicht zu werfen. Ein Schulwechsel vor der siebten Klasse erhöht die Wahrscheinlichkeit beträchtlich, dass Schüler später verhaltensauffällig werden – das ist das Ergebnis der Studie des vierköpfigen Forschungsteams aus Ökonomen, Soziologen und Psychologen. Die Forscher machten sich für die Untersuchung eine Änderung der amerikanischen Schulpolitik zu nutze. Während Kinder früher in aller Regeln erst nach der sechsten Klasse von der die Grund- in die Mittelschule wechselten, passiert dies heute schon in den meisten Schulen schon nach der vierten oder fünften Klasse. Die Wissenschaftler verglichen anhand von Daten aus dem US-Bundesstaat North Carolina Regelverstöße von Schülern, die in der sechsten Klasse bereits eine Mittelschule besuchten, mit denen, die die sechste Klasse noch in der Grundschule verbrachten. Das Ergebnis: Die Schüler, bei denen der Schulwechsel früher stattfand, waren später deutlich häufiger verhaltensauffällig als andere. Selbst nach der Berücksichtigung unterschiedlicher sozialer Hintergründe und der Hautfarbe zeigte sich: Auch bei sonst gleichen Merkmalen ist die Wahrscheinlichkeit, in einem Jahr mindestens einen Verweis wegen Gewalttätigkeit zu bekommen, bei den Frühumsteigern gut doppelt so hoch wie bei den Spätumsteigern. Bei Drogendelikten war ist sogar fünfmal so hoch. Zudem haben die Wissenschaftler festgestellt, dass die ungünstige Wirkung des frühen Schulwechsels mindestens bis zur neunten Klasse anhält. Zum Ende der Mittelschule hin, wenn auch die später wechselnden Schüler längst auch in dieser Schulform sind, ist die Auffälligkeitsrate bei denjenigen deutlich höher, die früher gewechselt hatten. Die vier Forscher sehen in ihrem Ergebnis eine Bestätigung dessen, was eine andere Forschergruppe zuvor herausfand: Bei einem früheren Wechsel auf die Mittelschule sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass der Schüler die Highschool in der vorgesehenen Zeit erfolgreich abschließt. Empirisch haben die beiden Forschergruppen mit diesen Studien Neuland betreten. Zur Erklärung der negativen Wirkungen des frühen Schulwechsels können sie jedoch auf einen großen Fundus psychologischer und soziologischer Erkenntnisse zurückgreifen. Danach ist das Alter von zehn bis elf Jahren für eine größere Veränderung im Umfeld eines Heranwachsenden ungeeignet. „Selbst unter günstigen Umständen ist das eine schwierige Zeit“, heißt es in der Studie. Im Alter von zehn bis 14 Jahren fängt die Pubertät an; die Jugendlichen müssen ihre Beziehungen zu Eltern, Familie, Freunden und Autoritätspersonen neu ordnen. Größere zusätzliche Herausforderungen in dieser Zeit, wie sie ein Schulwechsel darstellt, könnten leicht zu Verlust von Motivation und Selbstvertrauen führen – je früher der Wechsel stattfindet, desto eher. In der Grundschule sind die Fünft- und Sechstklässler die Ältesten und sind daher dem Einfluss älterer Pubertierender kaum ausgesetzt. Wenn sie die Schule wechseln, sind sie dagegen die Jüngsten und werden leicht Opfer von Schikanen. Zudem laufen sie Gefahr, dass sie sich problematisches Verhalten älterer Schüler zum Vorbild nehmen. Während Kinder in der Grundschule typischerweise die meiste Zeit mit einem Klassenlehrer in ihrem Klassenraum verbringen, wechseln in der Mittelschule Lehrer und Klassenraum häufig. All diese Unterschiede sind offenbar nicht günstig. In Deutschland wäre eine vergleichbare Studie kaum realisierbar, weil fast überall die Grundschule nach der vierten Klasse endet. Mit Ausnahme Brandenburgs haben auch die neuen Bundesländer schnell das westdeutsche Schulsystem eingeführt. Betrachtet man die institutionellen Unterschiede zu den USA, so könnte die nachteilige Wirkung des Schulwechsels hier zu Lande noch stärker ausfallen. Denn nach der Grundschule werden die Schüler gleichzeitig nach ihrer Leistungsfähigkeit auf die weiterführenden Schulformen verteilt. Wenn Rowdytum bei schwachen Schülern ausgeprägter ist oder Rowdytum die schulischen Leistungen beeinträchtigt, dann werden gerade schwächere Schüler, die auf die Hauptschule wechseln, früh den besonders ungünstigen Bedingungen ausgesetzt, die an vielen Hauptschulen vorherrschen. Doch eine Gegenbewegung ist in Deutschland im Gange, nicht zuletzt, weil es auch gewichtige Argumente gibt, mit der Aufteilung der Schüler auf verschiedene Schulformen länger zu warten. Sachsen-Anhalt hat sich mit einer zweijährigen Förderstufe weit in Richtung der sechsjährigen Grundschule zurückbewegt. Andere Bundesländer wollen die sechsjährige Grundschule zumindest erproben.

Norbert Häring berichtet für das Handelsblatt über Wirtschaftswissenschaften. Quelle: Pablo Castagnola
Norbert Häring
Handelsblatt / Ökonomie-Korrespondent
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