"Große Depression"
Die Lehren aus 1929

Die Wirtschaftsberaterin von US-Präsident Barack Obama, Christina Romer, ist eine der führenden Expertinnen für die "Große Depression" . Die Berkeley-Professorin ist der Frage nachgegangen, was die heutige Wirtschaftspolitik aus dem Desaster der 30-er Jahre lernen kann. Zu welchen erstaunlichen Schlüssen Romer kommt.
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Unter Ökonomen herrscht Konsens: Die Weltwirtschaft erlebt derzeit die tiefste Krise seit der Großen Depression. Welche Lehren lassen sich aus der Geschichte für die heutige Wirtschaftspolitik ziehen?

Für Christina Romer, Wirtschaftsberaterin des amerikanischen Präsidenten Barack Obama und Expertin für die 1929 ausgebrochene erste Weltwirtschaftskrise, steht eine Lektion ganz vorn: Konjunkturhilfen in homöopathischen Dosen, die auch noch zu früh zurückgefahren würden, seien fehl am Platz, betonte Romer jüngst in einer Rede mit dem Titel "Lessons from the Great Depression for Economic Recovery in 2009". Die Regierung müsse klotzen - und das über einen längeren Zeitraum hinweg.

Bereits in den 90er-Jahren hat Romer in Studien festgestellt: Die staatlichen Konjunkturpakete waren nicht der Hauptgrund für das Ende der Großen Depression. Das bedeute aber keineswegs, dass aktive Fiskalpolitik per se unwirksam sei. Im Gegenteil: Die Politik dürfe in einer tiefen Wirtschaftskrise bei Konjunkturpaketen keine Skrupel haben. Denn: "Die schuldenfinanzierten Ausgabenpakete von Roosevelt waren zwar historisch beispiellos, weil vorher ausgeglichene Staatshaushalte die Norm waren - aber die Programme waren trotzdem ziemlich klein."

Im Jahr 1934 betrug das Haushaltsdefizit nur 1,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP). 2009 dagegen reißt das Konjunkturprogramm der Obama-Regierung ein Defizit von rund zwölf Prozent des BIP in den Staatshaushalt. Dieses Paket, ist die Obama-Beraterin sicher, werde nicht einfach verpuffen. Unter einer Voraussetzung: Die staatliche Nothilfe für die Konjunktur dürfe nicht zu schnell auslaufen.

Roosevelts "New Deal" habe zwar dazu geführt, dass zwischen 1934 und 1936 das reale BIP pro Jahr um neun bis 13 Prozent wuchs. Aber schon 1937 habe die Regierung die Staatsausgaben wieder zurückgefahren. Prompt habe sich das Wachstum wieder deutlich verlangsamt. "Diese Episode ist eine wichtige Warnung für die heutige Wirtschaftspolitik", so Romer. "Wir müssen sicher sein, dass der private Sektor wieder fest im Sattel sitzt, bevor die Regierung die Hilfe zurücknimmt."

Eine gute Nachricht aus den 30er-Jahren sei, dass expansive Geldpolitik auch wirkt, wenn die Leitzinsen bei null sind. Die Notenbank habe dann zwar keinen direkten Einfluss auf die Realzinsen mehr, könne aber dennoch die Inflationserwartungen der Menschen beeinflussen. US-Präsident Roosevelt habe dies 1933 getan, indem er vorübergehend die Golddeckung des Dollars aufgab und die US-Währung drastisch abwertete. Dadurch wurde die US-Wirtschaft mit Liquidität überschüttet - ein Vorgehen, das im Kern der heute von der Federal Reserve Bank verfolgten Strategie der "quantitativen Lockerung" ähnele, so Romer. Damals sei es der Geldpolitik gelungen, die Deflationserwartungen zu brechen - obwohl zuvor das Preisniveau um fast 25 Prozent gesunken war.

Die laut Romer wichtigste Lektion lautet: Selbst die Große Depression ist irgendwann zu Ende gegangen - obwohl der Absturz der Wirtschaft weit tiefer war als heute, viele Menschen das Vertrauen in die Marktwirtschaft komplett verloren und die Wirtschaftspolitik im Kampf gegen die Krise viele Fehler machte. Dass die Wirtschaft die Depression trotz allem überwinden konnte, "sollte Amerikanern Hoffnung geben", betont Romer - zumal die Ausgangssituation heute weit besser sei als vor 80 Jahren.

Download der Romer-Rede "Lessons from the Great Depression for Economic Recovery in 2009" hier

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