Harvard-Studie: Enge Familienbande führt zu weniger Markt-Transaktionen
Familie als Standortfaktor

Der Stellenwert, den die Familie in einer Gesellschaft besitzt, hat erhebliche Bedeutung für die Wirtschaftsstruktur des Landes und ist mitverantwortlich für Wohlstand und Wachstum, zeigen zwei Harvard-Ökonomen in einer neuen Studie.

Sie ist eine der ältesten sozialen Institutionen der Menschheit und steht in Deutschland „unter dem besonderen Schutze der staatlichen Ordnung“ – die Familie. „Das Schicksal des Staates“, hatte der Schweizer Theologe und Literatur-Historiker Alexandre Vinet im 19. Jahrhundert erkannt, „hängt vom Zustand der Familie ab.“

Das gilt unverändert auch in den Zeiten der Globalisierung – diese These präsentieren zwei italienische Ökonomen, die an der US-Universität Harvard arbeiten, in einer jüngst erschienenen wissenschaftlichen Studie.

Alberto Alesina und Paola Giuliano zeigen: Der Stellenwert der Familie hat erhebliche Bedeutung für die Wirtschaftsstruktur und ist mitverantwortlich für Wohlstand und Wachstum. Vor allem die Frage, wie eng der familiäre Zusammenhalt ist, hat danach große ökonomische Relevanz.

Ausgangspunkt ist die Tatsache, dass es bis heute zwischen hoch entwickelten Industrieländern spürbare Unterschiede beim Familienbild gibt. In südeuropäischen Ländern wie Italien und Spanien genießt die Familie einen deutlich größeren Stellenwert als in Mittel- und Nordeuropa. In Deutschland, den Niederlanden und den skandinavischen Ländern ist der Zusammenhalt eher lose.

Datengrundlage sind die Ergebnisse des „World Values Survey“. Aus mehreren Fragen, die sich auf das Familienbild beziehen, konstruieren die Ökonomen einen Index zur Stärke der familiären Bindung im jeweiligen Land. In einem zweiten Schritt zeigen sie, dass in Ländern mit engen familiären Bindungen mehr ökonomische Transaktionen innerhalb der Familie stattfinden und weniger über den Markt organisiert werden.

In Ländern, in denen die Familie groß geschrieben wird, ist die Erwerbsneigung von Frauen und von jungen Menschen geringer. Rein ökonomische Größen wie Bildungsniveau, Alter und Wirtschaftsleistung können den Unterschied nicht erklären – ebenso wenig wie Unterschiede in den Steuersystemen, stellen die Wissenschaftler fest.

Dafür, dass tatsächlich kulturelle Faktoren für diese Unterschiede verantwortlich sind, spricht die Tatsache, dass Menschen aus Ländern mit enger Familienbindung Fremden weit weniger Vertrauen entgegenbringen. Dies schmälert ebenfalls die Bereitschaft, Dienstleistungen wie das Putzen der Wohnung oder die Betreuung von Kindern am Markt nachzufragen.

Dienstleistungen, die in der Familie erbracht werden, tauchen in den offiziellen Statistiken zur Wirtschaftsleistung eines Landes nicht auf – enge Familienbeziehungen führen also zu einem niedrigeren gemessenen Volkseinkommen. Und dennoch: Wer in einem Land lebt, das großen Wert auf die Familie legt, ist tendenziell sogar glücklicher als Menschen aus Ländern, in dem das nicht der Fall ist.

Anhand von US-Immigranten der zweiten Generation stellen die beiden Ökonomen fest, dass erhöhte Familienbindung in bestimmten Herkunftsländern auch bei den in den USA geborenen Kindern der Immigranten noch deutlich nachweisbar ist. Daraus schließen sie, dass die starken Familienbande nicht lediglich Reaktionen auf bestimmte wirtschaftliche Bedingungen in den jeweiligen (Herkunfts-)Ländern sind, sondern dass umgekehrt eher der Grad der Familienbindung die wirtschaftliche Entwicklung eines Landes beeinflusst.

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