Johannes Calvin
Johannes Calvin: Der Taliban von Genf

Vor 500 Jahren wurde Johannes Calvin geboren. Bis heute gilt der Genfer Reformator als nüchterner Wegbereiter des Kapitalsmus. Doch inzwischen bestreiten viele Theologen seinen Einfluss auf die westliche Wirtschaftsform.
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GENF. Noch im Todeskampf schmähte Johannes Calvin seine Gegner: Schlangen, Bestien, Galgenschwengel. Wie die Polemik liebte Calvin die Zucht. Jeden Morgen um vier Uhr stand er auf, jeden Abend um 21 Uhr verordnete er sich den Schlaf, dazwischen wechselten Gebet, Schreiben und Debattieren nach eisernem Reglement.

So penibel der Genfer Reformator seinen Tagesablauf ordnete, so gestaltete er auch seine religiöse Lehre, die als Calvinismus um die Welt ging. Am Freitag vor 500 Jahren, am 10. Juli 1509, erblickte Calvin als Sohn eines Steuerverwalters im französischen Noyon das Licht der Welt.

Die reformierten Kirchen feiern das Erbe eines ihrer Gründerväter, doch die Kontroversen um den zweiten großen Reformator neben Martin Luther dauern an: Calvins Anhänger preisen ihn als Gründer einer „christlich erneuerten Republik“, als den Lehrer „der perfektesten Schule Christi seit den Tagen der Apostel“. Der stets kränkelnde Calvin gilt als Vordenker der Moderne und spätestens seit Max Webers Essay „Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus“ auch als wirkungsmächtiger spiritueller Vater des Kapitalismus. „Der harten Marktwirtschaft wurde mit Calvin quasi eine religiöse Legitimität verschafft“, erklärt der Münchener Theologe Friedrich Wilhelm Graf.

Seine Feinde hingegen brandmarken Calvin bis in unsere Tage als fanatischen Ideologen, als wütenden „Taliban von Genf“. Stefan Zweig rückte den hageren Mann mit dem spitzen Bart sogar in die Nähe des Bösen schlechthin, Adolf Hitler: „Nie hat Genf so viele Bluturteile, Strafen, Foltern und Exile gekannt“, als in den dunklen Tagen der Herrschaft Calvins, giftete der österreichische Autor.

Und in der globalen Wirtschaftskrise, für linke Denker die langersehnte Götterdämmerung der freien Marktwirtschaft, gerät auch das Bild Calvins als religiöser Wegbereiter des Kapitalismus ins Wanken. „Die Behauptung, dass der Calvinismus der geistige Nährboden war, auf dem der moderne Kapitalismus entstehen und gedeihen konnte, ist eine Vergröberung der Thesen Webers“, sagt Ulrich H. J. Körtner, Theologe an der Universität Wien.

Vielmehr leuchten jetzt auch Calvins Aussagen zur sozialen Kohäsion und zum Bankenwesen auf, die auf eine kritische Distanz zum freien Spiel der Marktkräfte schließen lassen. War Calvin doch nicht der Vater des Kapitalismus? Alles nur ein großes Missverständnis?

Zunächst scheint der Calvinismus tatsächlich ein günstiges geistiges Klima für den Kapitalismus geschaffen zu haben. „Ein wichtiges Indiz für diese Vermutung ist der auffällige Umstand, dass die moderne industrielle und kapitalistische Wirtschaftsgeschichte ihren Anfang nicht in katholisch und auch nicht in lutherisch geprägten Ländern, sondern in den Niederlanden, England und Nordamerika gewonnen hat, in Ländern also, die religiös vom Calvinismus geprägt worden sind“, analysiert Körtner.

Wie durchdrang der Calvinismus diese Gesellschaften? Zentral ist das Konzept der „innerweltlichen Askese“, wie es Weber formuliert. Calvin forderte von den Gläubigen eine Sittenstrenge, die gegen billige Verlockungen, das süße Leben, den falschen Pomp, kurz, einen zur Schau getragenen Materialismus, resistent ist. Er verlangt: „Sie sollen sich möglichst wenig selbst zugeben, dagegen in beständiger Anspannung ihres Herzens darauf bedacht sein, allen Aufwand an übermäßigem Reichtum zu meiden und vollends die Ausschweifungen zu dämpfen.“

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