Konjunktur

Ökonomen warnen vor sozialen Unruhen

Die Finanzkrise ist noch längst nicht ausgestanden, warnen US-Ökonomen. Sie könnte die Arbeitslosigkeit weiter in die Höhe treiben, so die Studie. Berufseinsteiger trifft es am stärksten. Die Politik müsse sie und andere Betroffene unterstützen, raten die Forscher - sonst drohten soziale Unruhen.
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Eine Besucherin einer Filiale der Agentur für Arbeit. Die Krise könnte die Arbeitslosenzahlen weiter steigern. Quelle: ap

Eine Besucherin einer Filiale der Agentur für Arbeit. Die Krise könnte die Arbeitslosenzahlen weiter steigern.

(Foto: ap)

LONDON. Es waren düstere Prognosen, mit denen die Wirtschaftsberater von Barack Obama für ein gewaltiges Konjunkturpaket trommelten. Ohne staatliche Nothilfen für die Wirtschaft drohe ein drastischer Anstieg der Arbeitslosigkeit, warnten sie. Bis Mitte 2010 könne die Arbeitslosenquote auf neun Prozent klettern. Wenige Wochen später beschloss die US-Regierung das größte Konjunkturpaket aller Zeiten. Der Arbeitsmarkt aber entwickelte sich wesentlich schlechter, als die Obama-Berater gedacht hatten: Mittlerweile stehen fast zehn Prozent aller US-Beschäftigten auf der Straße.

Und damit ist das Schlimmste wohl noch nicht vorüber - sowohl in den USA als auch in den anderen Industriestaaten. Diese These stellen die Ökonomen David Bell (University of Stirling) und David Blanchflower (Dartmouth College) in einer jüngst veröffentlichten Studie auf. Sie fassen den aktuellen wissenschaftlichen Forschungsstand zu Finanzkrisen und ihren Arbeitsmarktfolgen zusammen und leiten auf dieser Basis Empfehlungen für die Wirtschaftspolitik ab.

Das Fazit ist ernüchternd: "Die Konjunkturerholung ist keinesfalls garantiert; die Folgen für die Beschäftigung sind womöglich schlimmer als gedacht." Die Geschichte zeige, dass Finanzkrisen stets große und lang anhaltende Schäden für Wachstum und Arbeitsmarkt anrichten. Bis es in den Industrieländern wieder so viele Jobs geben werde wie vor Ausbruch der Krise, werde es Jahre dauern.

Die Wirtschaftspolitik dürfe sich keinesfalls darauf verlassen, dass sich die Probleme auf dem Arbeitsmarkt von allein legten. Denn die Massenarbeitslosigkeit sei nicht nur in wirtschaftlicher Hinsicht ein großes Übel - sie sei mit zahlreichen individuellen und gesellschaftlichen Folgeschäden verbunden. Im Extremfall könne es zu "sozialen Unruhen" kommen, warnen die Forscher.

Zahlreiche Studien deuteten darauf hin, dass es nur wenige andere Dinge gibt, die die Zufriedenheit der Menschen so sehr einschränken wie der Jobverlust. Arbeitslose neigten viel eher zu Depressionen, hätten ein höheres Herzinfarktrisiko und seien deutlich selbstmordgefährdeter. Mit steigender Arbeitslosenquote steige zudem die Zahl der Verbrechen.

Berufseinsteiger leiden besonders stark - und dauerhaft

Nicht alle Beschäftigten seien im gleichen Ausmaß betroffen. Geringqualifizierte, Ausländer und junge Leute seien überproportional stark betroffen. Fatal sei, dass Arbeitslosigkeit für Berufseinsteiger häufig mit erheblichen Langzeitfolgen verbunden sei. So zeigten Studien: Auch wenn arbeitslose Berufseinsteiger einen neuen Job fänden, landen sie später mit weit größerer Wahrscheinlichkeit erneut auf der Straße. "Dieses Phänomen ist viel größer als bei älteren Erwerbstätigen", betonen Bell und Blanchflower. "Bei jungen Leute hinterlässt Arbeitslosigkeit tiefe Narben."

Die gängigen Waffen im Kampf gegen die Arbeitslosigkeit dürften in der jetzigen Lage stumpf sein, betonen Bell und Blanchflower. In den vergangenen Jahrzehnten habe sich die Wirtschaftspolitik in den OECD-Ländern darauf konzentriert, Probleme auf der Angebotsseite des Arbeitsmarktes zu beheben. "Die derzeitige Rezession aber ist durch einen Kollaps der Nachfrage getrieben und hat wenig mit hoher Gewerkschaftsmacht, starren Löhnen, zu großzügiger Arbeitslosenunterstützung oder ähnlichen Problemen auf der Angebotsseite zu tun", schreiben die Volkswirte.

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6 Kommentare zu "Konjunktur: Ökonomen warnen vor sozialen Unruhen"

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  • bitte :
    Was soll das sein, eine SOZiALE UNRUHE ??
    Die Verdummung schreitet immer weiter fort - die Verballhornung unserer Sprache ist schaendlich!!
    Siehe Dieter E. Zimmer : "HUMANiTAERE KATASTROPHE"
    Dass dieses angesehene blatt solch bloedsinn druckt, legt den Schluss doch nahe, dass die Herrschaften Redakteure zum Nachsitzen abkommandiert werden muessen. SCHANDE !


  • Aufklärung,

    Depressionen können alle Menschen bekommen nicht nur Arbeitslose.

    Man bekommt manchmal leicht auch Depressionen wenn man sie wie es sich alles so entwickle in unseren Lande aber auch Weltweit inkl. Kapitalismus das es drauf sich zu belastend auf einzelnen wirkende.

    Mfg

  • Die Depressionen der Arbeitslosen werden die Sozialsysteme auf viele Jahre hinaus schwer belasten.

  • Der Hinweis auf den Zusammenbruch der Nachfrage bestätigt meine bisher im Hb-Forum konsequent vertretetenen Einschätzung, dass zunächst die schuldenfinanzierte Privatnachfrage zusammen gebrochen ist und die ebenfalls schuldenfinanzierte Staatsnachfrage sehr schnell ihre Grenzen finden wird. Konsequent zu Ende gedacht ergibt sich die Frage, wodurch die fehlende durch neue volumenstarke Nachfrage generiert werden soll. bildung wird nur Nachfrage, wenn sie zuvor auf der Angebotsseite gelöhnt wird. im globalen Wettbewerb treffen wir aber auf zwei Hemmnisse: 1. Mangelnde Wettbewerbsfähigkeit bei den Arbeitskosten und 2. Hohe Exportüberschüsse, die Ausdruck einer größeren Teilhabe am globalen Arbeitsangebot ist. innovationsschübe wie z.b. die Erfindung der Dampfmaschine, des Elektromotors oder der Computertechnik sind noch nicht absehbar. Die Weltökonomen sollten die Kontratiewsche Krisentheorie nicht länger schmähen. Die Ökonomie hat sich m.E. in den beitrag der Finanzkrise viel zu stark verbissen, die Auslöser war. Gemessen am Problemgehalt sind die Analyse- und Lösungsangebote unzureichend. Ob es Unruhen geben wird, vermag niemand sicher voraus zu sagen. Helfen werden sie nicht, sondern das Maß an Umverteilung bis zum bitteren Ende ausschöpfen. Diese Quelle wird sehr schnell erschöpft sein. Danach kann der Preis des bereits sehr billigen Schnapses halbiert werden. Dadurch wird begrenzte Wahrnehmungsbereitschaft bezüglich der Ursachen auf die Folgen ausgeweitet. Der beitrag ist ist ein Appell für mehr perspektivisches Denken, gegen Symptomdoktorei.

  • ich kann die Analyse nur unterstreichen:

    -> Arbeitslosigkeit,

    -> krasse soziale Unterschiede (Schere zwischen Arm und Reich) und

    -> Unterschiedliche Ausgangssituationen: Kinder armer Leute bleiben dumm, reiche werden gebildet; sowie eine 2-Klassen-Medizin wird zu Unmut in der bevölkerung führen (zwangsläufig)!

    Was kann dagegen getan werden:

    a) bildung ist ein Grundrecht: auch lebenslange bildung;

    b) Förderung der Teilzeitarbeit; eine Stelle auf mehrere Schultern verteilen - begrenzt die Arbeitslosigkeit;

    c) Schaffung "sozialer Arbeit" in Vereinen, sozialen Diensten, Familienhilfe etc. + bessere Entlohnung als einen Euro-Job.

    Materiell werden wir die Rechnung der Konjunkturpakete und der Überschuldung des Staates noch bekommen: Hyper-inflation. Dieses Gift wird nicht schnell kommen, dafür umso länger bleiben. Dagegen helfen nur Sachwerte (Gold, immobilien, Rohstoffe, Kunst etc.) oder ein eigenes Unternehmen.
    Die Rahmenbedingungen wirtschaftlich u. sozial werden weltweit schlechter. Nicht Größe zählt mehr in der Wirtschaft, sondern innovation, Schnelligkeit und beziehungen. Nach 60 Jahren des ununterbrochenen Aufschwungs sind wir jetzt in der Phase der Konsolidierung und des Wirtschaftsabschwungs (es gibt nur wenige Ausnahmen). Diese Entwicklung durchlaufen z.Zt. viele Länder und Gesellschaftsgruppen.

  • "Zahlreiche Studien deuteten darauf hin, dass es nur wenige andere Dinge gibt, die die Zufriedenheit der Menschen so sehr einschränken wie der Jobverlust"
    Dazu braucht man keine Studien -das sind binsenweisheiten.

    Dennoch, so gut wie die Analyse ist, so schlecht sind die Empfehlungen.
    Die Ursache der Krise ist die Verteilung der Erträge der Arbeit. Die Reichen sind zu reich, die die den Reichtum erarbeiten zu arm.

    Nur Nachfrage schafft Arbeit, nicht etwa Reichtum. und je reicher die Reichen werden, desto mehr sinkt die Nachfrage.
    Und so ist die einzige Lösung, dass ein Gegenpol zu den interessen der Reichen geschaffen wird. in Deutschland scheidet die gegenwärtige Regierung hier leider aus, die Erbschaftssteuererleichterungen für Reiche sprechen eine deutliche Sprache.
    Weitere Gegenspieler sind hier nicht in Sicht, die Gewerkschaften sind zu schwach.
    Zur Zeit sorgt die moderate bildung der Menschen hier in Deutschland noch dafür, saß sie Dinge die über Medien, wie b**D-Zeitung kommen als Ablenkung von den Problemen schlucken. Ewig wird das nicht so bleiben. Wenns nichts mehr zu essen gibt ist Schluss mit Lustig.
    Es wird nicht gut enden in Deutschland. Unruhen sind unausweichlich - ich befürchte, sie bleiben nicht so friedlich wie zum letzten Mal.

    Dieser Artikel war da im Hb auch interessant:
    http://www.handelsblatt.com/finanzen/anlagestrategie/der-kapitalismus-ist-gescheitert;2431526

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