Konjunktur und Trends
Weniger fernsehen = glücklicher leben

"Glotze aus!" titelte der "Stern" jüngst und stellte fest: "Das Fernsehen schafft mehr Frust als Lust." Eine neue ökonomische Studie bestätigt diese These: Wer viel fernsieht, ist unglücklicher als Menschen mit vergleichbaren Lebensumständen, die wenig Zeit vor der Mattscheibe verbringen.
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HB DÜSSELDORF. Dies fand ein Forscherteam um Bruno S. Frey heraus. Der Professor aus Zürich ist einer der weltweit am stärksten beachteten Ökonomen des deutschen Sprachraums und wurde diese Woche vom Münchner Center for Economic Studies (CES) als "Distinguished CES Fellow 2005" geehrt.

Ausgangspunkt der Studie ist die These, dass viele Menschen ihren TV-Konsum nicht unter Kontrolle haben und mehr Zeit vor der Mattscheibe verbringen, als für sie optimal wäre. "Viele Leute haben wegen ihres TV-Konsums ein schlechtes Gewissen und meinen, mehr Fernsehen zu gucken, als für sie gut ist", heißt es in der Studie. Für neoklassische Ökonomen ist dies harter Tobak. Denn ihre Gedankenwelt basiert auf der Annahme, dass Menschen rational handeln und das tun, was gut für sie ist. Nach dieser Logik sieht jeder Mensch genau so viel fern, wie für ihn optimal ist.

Um der Sache auf den Grund zu gehen, haben die Ökonomen eine Umfrage unter mehr als 42 000 Menschen aus 22 europäischen Ländern ausgewertet, die auch zu TV-Gewohnheiten und Lebenszufriedenheit befragt wurden. Das Ergebnis ist eindeutig: "Menschen, die weniger als eine halbe Stunde pro Tag fernsehen sind - ceteris paribus - mit ihrem Leben zufriedener als Menschen, die ein anderes Niveau des TV-Konsums wählen." Besonders groß ist der Unterschied zu Menschen, die mehr als 2,5 Stunden pro Tag glotzen. Das gilt verstärkt für Leute, die wenig Zeit haben - zum Beispiel Selbständige, Top-Manager und Politiker. Für sie ist Fernsehen mit besonders hohen Opportunitätskosten verbunden. Wer aus dieser Gruppe trotzdem viel fernsieht, erleidet eine Nutzeneinbuße vom gleichen Ausmaß wie Singles ohne Lebenspartner im Vergleich zu Verheirateten. Umgekehrt gibt es bei Rentnern und Arbeitslosen, also Menschen mit viel Zeit, keinen Zusammenhang zwischen Zufriedenheit und TV-Konsum.

Die Autoren räumen ein, dass ihre Untersuchung letztlich nicht klären kann, ob Menschen, die mit ihren Möglichkeiten und Lebensumständen unzufrieden sind, mehr fernsehen, oder ob das Fernsehen unzufrieden macht. Eine Erklärung für den Hang zum übermäßigen TV-Konsum gibt es: Der Nutzen - Entspannung und Unterhaltung - ist unmittelbar, der Aufwand auf den ersten Blick minimal. Viele "Kosten" wie Schlafmangel und vernachlässigte Sozialkontakte treten zeitverzögert auf. Daher überschätzen wir den Netto-Nutzen des Fernsehens und begehen einen systematischen Fehler bei unserer Konsumentscheidung.

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