Krankenstand
Anatomie der Abwesenheit vom Arbeitsplatz

Wer Angst hat, seinen Job zu verlieren, meldet sich seltener krank, lautet ein gängiges Vorurteil unter Personalern. Ein falsches Vorurteil, meinen norwegische Forscher. Sie haben Daten zum Thema Krankenstand ausgewertet – und können erstaunliche Ergebnisse präsentieren.
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DÜSSELDORF. Finanzkrise senkt Krankenstand auf historisch niedrigsten Stand", urteilten die Kommentatoren vor gut einem Monat, als das Bundesgesundheitsministerium die Zahlen für das erste Halbjahr 2009 veröffentlichte. Der geringe Krankenstand weise auf eine höhere Angst vor Jobverlust hin. Das Bundesministerium sah sich daraufhin genötigt, noch mal einen Warnhinweis seinen Zahlen hinterherzuschicken. Die Zahl von 3,24 Prozent Krankmeldungen sei nicht wirklich aussagekräftig. Ursachenforschung lasse sich damit nicht betreiben.

Dabei wünschen sich die Unternehmen verlässliche Daten, damit sie ihre Krankenstände in den Griff bekommen. Doch solche Daten fehlen auch 126 Jahre nach Einführung der Krankenversicherung in Deutschland noch immer.

Ein Team von Wissenschaftlern konnte nun in Norwegen auf außergewöhnlich umfassende Daten zugreifen. Was in Deutschland undenkbar ist - das Durchleuchten der Arbeitnehmer vom zuständigen Hausarzt über die Diagnose bis zum Kollegenkreis am Arbeitsplatz anhand von insgesamt mehr als 400 Variablen - ermöglichte die norwegische Regierung im Rahmen eines großangelegten Forschungsprojekts.

Mit einem Modell von Zufallsvariablen ermittelten die Forscher, von welchen Faktoren die Neigung der Arbeitnehmer, sich krank zu melden, abhängt und wie sie sich auf die Gesamtzahl der Arbeitnehmer verteilt. Mit diesem Berechnungsverfahren entwickelten sie ein Modell, das Voraussagen über Krankmeldungen je nach Alter, Geschlecht oder Arbeitsplatz ermöglicht.

Dabei entdeckten sie, dass sich die Krankmeldungen extrem unterschiedlich auf die Beschäftigten verteilen. So fehlt die überwältigende Mehrheit der Mitarbeiter - mehr als 80 Prozent - weniger als ein Prozent ihrer Arbeitstage wegen Erkältungen oder Virusinfektionen. Bei den schwerwiegenderen Krankheiten wie psychischen Problemen oder Muskel- und Knochenleiden sieht die Verteilung ganz anders aus. Rund zehn Prozent der Beschäftigten fehlen mehr als 15 Prozent ihrer Arbeitszeit.

Und die Forscher fanden noch weitere interessante Details, die gängigen Vorurteilen widersprechen. So konnten sie zum Beispiel nicht bestätigen, dass unsichere Arbeitsplatzsituationen per se zu geringeren Krankenständen führen - im Gegenteil, in solchen Situationen melden sich mehr Mitarbeiter kurzfristig krank. Auch dass ältere Mitarbeiter häufiger fehlen, verneinen die Autoren der Studie: Die Zahl der Krankmeldungen sinkt deutlich, nachdem die Arbeitnehmer das 45. Lebensjahr erreicht haben.

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