Krankenversicherung
Nehmen was man kriegen kann

Wenn die Versicherung zahlt, nehmen Patienten gern medizinische Leistungen in Anspruch, die sie gar nicht brauchen. Das belegen US-Ökonomen in einer neuen Studie an Beispiel der medizinischen Versorgung von Neugeborenen in Kalifornien.

Aller guten Dinge sind zwölf. So oft haben die Bundesregierungen seit 1993 versucht, die Kostenexplosion im Gesundheitswesen in den Griff zu bekommen. Mit zweifelhaftem Erfolg. Zwischen 1991 und 2009 sind die Ausgaben pro Versichertem und Jahr von 1773 auf 3128 Euro gestiegen.

Gesundheitsökonomen machen dafür zumindest teilweise eine zu generöse Krankenversicherung verantwortlich. Patienten würden oft medizinische Leistungen in Anspruch nehmen, die sie eigentlich gar nicht brauchen. Experten sprechen von "moral hazard".

Dass dieses Phänomen in der Realität hochgradig relevant ist, führen zwei amerikanische Volkswirte jetzt in einer Fallstudie vor Augen. Douglas Almond (Columbia University) und Joseph Doyle (Massachusetts Institute of Technology) untersuchen, wie lange Babys nach der Geburt in Kalifornien im Krankenhaus bleiben. In dem Bundesstaat gibt es zwar keine allgemeine Krankenversicherung, aber der Staat übernimmt für jedes Neugeborene die Kosten für zwei Tage Krankenhausaufenthalt.

Die Forscher nutzen eine Besonderheit des Gesetzes für ihre Zwecke aus. Ob ein Baby vor oder kurz nach Mitternacht auf die Welt kommt, entscheidet darüber, wie lange der erste staatlich bezahlte Behandlungstag de facto dauert.

Wird ein Baby um 23.55 Uhr geboren, hat der erste von dem Bundesstaat finanzierte Krankenhaustag formal begonnen und endet bereits fünf Minuten später um Mitternacht. Kommt ein Kind dagegen um 0.05 Uhr zur Welt, dauert der erste Behandlungstag deutlich länger - er endet erst in der darauf folgenden Nacht um Mitternacht. De facto kann dieses Kind also 24 Stunden länger auf Staatskosten im Hospital bleiben.

Die Forscher gehen der Frage nach, welche Folgen der längere Krankenhausaufenthalt für die Gesundheit der Kinder hat. Ihre Studie mit dem Titel "After Midnight: A Regression Discontinuity Design in Length of Postpartum Hospital Stays" ist in der aktuellen Ausgabe des "American Economic Journal: Economic Policy" erschienen.

Sie verwenden dafür detaillierte Daten zu allen 6,6 Millionen Kindern, die in dem Zeitraum 1991 bis 2002 in Kalifornien auf die Welt kamen. Die Ökonomen konzentrieren sich dann auf 100000 Babies, die entweder bis zu 20 Minuten vor- oder nach Mitternacht geboren wurden.

Die Daten zeigen: Für jedes vierte Baby, das kurz nach Mitternacht auf die Welt kommt und dadurch Anspruch auf den längeren Krankenhausaufenthalt hat, wird diese Leistung auch tatsächlich in Anspruch genommen. Für den Gesundheitszustand der Kinder hat dies aber keinerlei Folgen.

Die Forscher kennen von jedem Säugling das Geburtsgewicht - ein wichtiger Indikator für den Gesundheitszustand des Babys. Zudem wissen die Wissenschaftler, ob und wie oft das Kind innerhalb des ersten Lebensjahrs wieder ins Krankenhaus musste, und haben Informationen darüber, welche Babys in den ersten zwölf Monaten nach der Entbindung gestorben sind.

Weder für die Wahrscheinlichkeit, wieder ins Krankenhaus eingeliefert zu werden, noch für das Sterberisiko spielt es eine Rolle, wie schnell ein Neugeborenes aus dem Krankenhaus entlassen wurde. "Für Geburten, die komplikationslos verlaufen sind, bringt ein längerer Krankenhausaufenthalt nach der Geburt keine messbaren Gesundheitsvorteile", stellen die beiden Forscher fest.

Für die Steuerzahler dagegen ist dies mit erheblichen Mehrkosten verbunden. Jede Nacht im Krankenhaus kostet rund 1000 Dollar.

Wer die Kosten im Gesundheitssystem in den Griff kriegen will, muss den Patienten Anreize geben, nur die Leistungen in Anspruch zu nehmen, die wirklich nötig ist..

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