Krise der Plattenindustrie: Was Musikpiraten anrichten

Krise der Plattenindustrie
Was Musikpiraten anrichten

Die Musikindustrie befindet sich im Niedergang, der illegale Tausch von Titeln im Internet boomt. Schwedische Ökonomen untersuchen in einer empirischen Studie, wie sehr die Piraterie der Branche geschadet hat.
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Sogar wesentliche Teile ihres Logos haben sie geklaut: Zwei gekreuzte Knochen unter einer Musikkassette. In den 80er-Jahren warb die britische Plattenindustrie damit gegen Raubkopien. "Home taping is killing music" ("Zu Hause gemachte Kopien töten die Musik") lautete der Slogan dazu. Heute schmückt das gleiche Totenkopfsymbol die Segel des Piratenschiffs, das die Online-Musiktauschbörse "The Pirate Bay" zu ihrem Markenzeichen gemacht hat.

Mit allen juristischen Mitteln kämpft die Musikbranche gegen illegale Musiktauschbörsen - vergeblich. Allein "Pirate Bay" hat 25 Millionen aktive Nutzer. Parallel dazu befindet sich die Plattenindustrie im freien Fall. Von 1999 bis 2009 sind die Umsätze um 30 Prozent eingebrochen.

Aber könnte ein besserer Schutz der Urheberrechte den Niedergang der Plattenfirmen wirklich aufhalten? Zwei Ökonomen der schwedischen Universität Uppsala sind dieser Frage in einer empirischen Studie mit dem Titel "Piracy, Music and Movies: A Natural Experiment" nachgegangen. Adrian Adermon und Che-Yuan Liang nutzen eine Gesetzesänderung aus, mit der in Schweden von einem Tag auf den anderen die Wahrscheinlichkeit stieg, dass Internetnutzer für Verstöße gegen das Urheberrecht zur Verantwortung gezogen werden. Am 1. April 2009 trat dort ein Gesetz in Kraft, das die Anbieter von Internetzugängen dazu verpflichtet, im Zweifel die Identität mutmaßlicher Raubkopierer preiszugeben.

Die Forscher werten die Internet-Nutzungsstatistiken vor und nach der Gesetzesreform aus und analysieren die Verkaufsstatistiken für Musik-CDs und digitale Musik. Als Kontrollgruppe ziehen sie Norwegen und Finnland heran. Beide Nachbarstaaten sind Schweden in vielerlei Hinsicht sehr ähnlich, haben aber ihre Urheberschutzgesetze im April 2009 nicht geändert.

Unmittelbar nach der Gesetzesänderung ist in Schweden der Internetverkehr drastisch eingebrochen - in den ersten Wochen um 40 Prozent, stellen die Forscher fest. Parallel dazu stieg die Nachfrage nach legaler Musik deutlich. Der Absatz von CDs kletterte in den ersten sechs Monaten um 27 Prozent. Bei bezahlten Musikdownloads lag das Plus sogar bei 48 Prozent.

In Norwegen und Finnland dagegen veränderten sich weder die Internetnutzung noch die Nachfrage nach legaler Musik. Dies werten die Forscher als Indiz dafür, dass tatsächlich der strengere Urheberschutz das Verhalten der Internet-nutzer beeinflusste und nicht andere Faktoren wie die Konjunkturlage. "Unsere Resultate deuten darauf hin, dass raubkopierte Musik ein starkes Substitut für legal erworbene Musik ist", lautet das Fazit.

Adermon und Liang rechnen ihre Ergebnisse hoch. Gäbe es überhaupt keine Möglichkeit, im Internet illegal Musik zu kopieren, würden rund 72 Prozent mehr Musik-CDs verkauft. Allerdings kann diese Schätzung nur 43 Prozent des Umsatzrückgangs bei CDs seit der Jahrtausendwende erklären. Der große Rest entfällt auf andere Faktoren wie zum Beispiel die Preispolitik der Plattenfirmen. Das Beispiel Schweden zeige aber, dass strengere Strafverfolgung Raubkopierer abschrecke, lautet eine Schlussfolgerung der Forscher.

Besonders lange angehalten hat der Effekt in Schweden allerdings nicht. Nach sechs Monaten war das Problem der Musikpiraterie wieder zurückgekehrt. Adermon und Liang erklären das mit zwei Faktoren: Die Musikindustrie hat nur sehr wenige Raubkopierer vor Gericht gezogen und die Verfahren ziehen sich in die Länge. Daher habe die juristische Drohkulisse an Glaubwürdigkeit verloren.

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  • Natürlich befindet sich die Plattenindustrie im freien Fall. Und sie ist selbst schuld daran, da sie die erheblich günstigeren Produktionspreise nicht an die Kunden weitergereicht hat. Als wir in den 80igern noch massenhaft LPs gekauft haben, kosteten die teuersten 20,-- DM. Die günstigen 15,-- DM. Seit Einführung der CD halten sich die Preise für Neuveröffentlichungen bei € 17,-- bis € 18,--. Wer soll das kaufen? Würden die CDs zwischen € 8,- und € 12,-- kosten, würde ich mir wieder regelmäßig die CD-Regale füllen. So kaufe ich mir halt ältere Veröffentlichungen zum NICE PRICE. Mitleid mit der Plattenindustrie? Bestimmt nicht. Ihr habt das selbst verbockt. Und wie waren noch die Sprüche zur Zukunft der Musik-CD in den 90igern? "Die CD soll so hochwertig werden wie gebundene Bücher." Klarer Fall von Größenwahn verbunden mit Dummheit...

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