Langzeitstudie
Kinderkrippen machen schlau und reich

Wenn ihre Mütter arbeiten, werden viele Sprösslinge schon früh in Ganztagskindergärten betreut. Ob ihnen das nützt oder schadet, hat eine Langzeitstudie aus Norwegen untersucht. Die Ergebnisse sind bemerkenswert.
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LondonFür die ehemalige Tagesschau-Sprecherin Eva Herman besteht kein Zweifel: Mütter gehören zu ihren Kindern, nicht an den Arbeitsplatz - sonst bleiben die Kinder auf der Strecke.

Im September kritisierte Herman Bundesfamilienministerin Kristina Schröder in einem offenen Brief scharf dafür, dass diese schon drei Monate nach der Geburt ihrer Tochter an den Schreibtisch zurückgekehrt ist: "Ich hätte mir gewünscht, dass das kleine Mädchen mehr von ihrer Mama gehabt hätte."

Auch mit den Plänen der Bundesregierung, deutlich mehr Kinderkrippen zu bauen, rechnete Herman ab. Das richte "verheerenden Schaden" an. "Jedes schon früh fremdbetreute Kleinkind ist eines zu viel." Das, so Herman, sei nichts weniger als "die Wahrheit". Herman hätte vor dem Schreiben ihres Briefes einen Blick in das "American Economic Journal" werfen sollen - in der anspruchsvollen Fachzeitschrift hätte sie eine einzigartige Langzeitstudie zu den Folgen staatlicher Kinderbetreuung gefunden.

Die Arbeit kommt zu dem Fazit: das Gegenteil von dem, was Herman schreibt, ist richtig. "Staatlich subventionierte Kinderbetreuung hat starken positiven Einfluss auf das spätere Erwachsenenleben der Kinder", schreiben Tarjei Havnes (Universität Oslo) und Magne Mogstad (University College London). Wer in einer staatlich finanzierten Kindertagesstätte war, hat im Alter von 30 eine bessere Bildung und ein höheres Einkommen.

Die Studie analysiert die Langzeitfolgen eines politischen Kurswechsels in Norwegen in den frühen 70er-Jahren. Um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu erleichtern, baute der Staat ab 1975 die Kinderbetreuung stark aus. Bis 1979 verdoppelte sich die Zahl der Plätze in Ganztagskindergärten für Drei- bis Sechsjährige.

Die Wissenschaftler verfolgen die Bildungs- und Erwerbskarrieren der ersten Generation von Norwegern, die in den neuen Kindertagesstätten aufwuchsen - rund 175.000 zwischen 1973 und 1976 Geborene. Zum Vergleich zogen die Forscher 400.000 Norweger heran, die 1967 bis 1972 geboren wurden und schon ganz oder teilweise aus dem Kindergartenalter herausgewachsen waren, als die Gesetze griffen. Um Ursache und Wirkung messen zu können, nutzten die Wissenschaftler aus, dass es damals große regionale Unterschiede bei der Kinderbetreuung gab.

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  • Kinderkrippen machen schlau und reich
    Was wird dafür eine Manipulation losgelassen?
    Ich habe das bisher noch nicht feststellen können.
    Wer sowas schreibt, der sollte mal in einer Kinderkrippe arbeiten, dann kann er mitreden, was sich da so tut, wie Kinder leiden und vor sich hindösen. Das ist die Situation.Unsere Krippen sind auch vollkommen falsch aufgestellt.
    zitat:
    Wer in einer Kita war, hat im Alter von 30 eine bessere Bildung und ein höheres Einkommen.---
    ----
    Das hat nichts mit der Krippe -zu tun.
    Das war einfach die Entwicklung der Zeit.Der ländl.Raum wurde mehr erschlossen.Ich kenne genügend Kinder- nie in einer Krippe- nur 1 Jahr ab 5. Jahre im Kindergarten und hervorragende Schüler mit Bestnoten- und Abi mit ebenfalls Noten von 1,3 bis knapp unter 2 -das gleiche weiter im Studium. Zum einen ist es Begabung, zum anderen ist es Erziehung zum Fleiß-Lernen und Förderung durch die Eltern.
    zitat:-
    Die Forscher stellen fest: SchulSchulabbrecher - sank um 6 %---7% mehr Uni--
    ---
    Der gleiche Unsinn.-
    das hat auch mit Zeitenwandel mit zu tun, dass mehr Kinder studierten. Wieviele Kinder gingen denn früher vom Land aufs Gymnasium? Die Wege waren weit, die Fahrt dorthin beschwerlich, das kam doch alles erst später-die flächendeckende Verfügbarkeit. Also, nicht weil sie dümmer waren, sondern die Möglichkeiten wurden besser.
    Alle Krippenkinder, die ich erlebt habe, waren gerade sprachlich weit hintendran. Meine Kinder waren bei einer Forschungsreihe dabei- 2000 Kinder von 0-6 Jahre-wurden fortlaufend getestet.Sie waren ohne Krippe-Kita erst ab 5 Jhr.-trotzdem bei den "ersten d.h.-besten 50" dabei. Heute nach Studium -in führender Position.
    Wie haben sie das bloß ohne Krippe geschafft.

  • 3) Ob sich die Ergebnisse auf andere Länder und Zeiträume verallgemeinern lassen, lässt sich - wie natürlich in allen Studien - nie mit Sicherheit sagen. Die Autoren schreiben hierzu: "Whether these positive findings for Norway would extend to other countries is an
    open question" (S.127). Insbesondere weisen sie darauf hin, dass sie die Einführung qualitativ hochwertiger Betreuung mit günstigem Betreuungsschlüssel (im Schnitt acht Kinder pro Betreuer/Betreuerin, S.104) untersuchen. "Cascio (2009b) may be informative of the
    impacts of low-quality child care that crowds out participation in more intensive
    programs and is funded by cutbacks on school expenditures" (S.127).

  • Die Autoren sind in ihren Schlussfolgerungen zu Recht deutlich vorsichtiger als Herr Storbeck:

    1) Die gemessenen Effekte beziehen sich auf den Vergleich informeller und staatlicher Betreuung, nicht auf den Vergleich familiärer und staatlicher Betreuung. Die Erwerbsbeteiligung der Mütter hat sich kaum verändert, sodass die Studie zudem kaum Aussagen über die Folgen der Müttererwerbstätigkeit für die Kinder zulässt. Man kann also auf Grundlage der Studie wenig darüber erfahren, ob "Mütter (...) zu ihren Kindern, nicht an den Arbeitsplatz" gehören oder nicht.

    Aus der Einleitung (S.99):
    "(...) our results indicate that the new subsidized child care crowds out informal
    care arrangements, with almost no net increase in maternal labor supply. Hence, our
    study should be viewed as the consequences of moving children from informal care,
    rather than from parental care, into formal care of relatively high quality."

    Aus dem Fazit (S.127):
    "Nevertheless, in interpreting our study, it is important to keep in mind that our findings are likely to reflect the effects of moving children from informal care, rather than parental care, into formal care of relatively high quality. In comparison, other studies, such as Baker, Gruber, and Milligan (2008), might be more relevant when discussing the consequences of moving children from parental care to formal child care."

    2) Wie bereits mehrfach erwähnt, bezieht sich die Studie auf Kinder ab 3 Jahren. Der Verweis auf Eva Herman und Kristina Schröder ist also als Aufhänger sicherlich verlockend, sachlich aber irreführend.

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